Wenn rasende Retter zum Risiko werden

Es sind nur Sekunden, die mich plötzlich vom Tod trennen. Um kurz vor acht Uhr abends gehe ich in Lübeck über einen Zebrastreifen. Es ist dunkel. Und es regnet. Als ich auf der kleinen Verkehrsinsel angekommen bin, die den Zebrastreifen in der Mitte der Straße teilt, schrillt plötzlich ein Martinshorn. Ein Rettungswagen mit Blaulicht rast direkt auf mich zu.

Weg, schießt es mir durch den Kopf. Nur dieses eine Wort: WEG. Ich renne über den Zebrastreifen. Der Rettungswagen ist jetzt dicht neben mir, hupt. Ich renne. Schaffe es gerade noch auf die andere Straßenseite. Spüre den Fahrtwind im Nacken. Der RTW rast, immer noch hupend, geradeaus weiter in den Kreisverkehr.

Das war knapp. Wenn ich eine alte Frau mit Rollator gewesen wäre, auf dem zweiten Teil des Zebrastreifens …  Oder ein Kind … Ich hätte keine Chance gehabt.

Klar müssen Rettungswagen schnell sein. Aber dieser Fahrstil, auf einer stark befahrenen Straße, wo viele Fußgänger unterwegs sind und die auch noch in den Kreisverkehr mündet, scheint mir unverantwortlich.

UNFASSBAR DREIST
Autofahrer nutzt Rettungsgasse vor Krankenwagen aus
Video (1:47 Min.)

Etwa 70 Menschen pro Jahr sterben bei Unfällen mit Rettungswagen

„Unfall Rettungswagen“ tippe ich später bei Google ins Suchfeld. Über 18.000 Treffer. Offenbar passiert alle paar Tage ein Unfall, in den ein RTW verwickelt ist. Und dann lese ich, gleich unter den ersten Treffern: „Lübeck: Zwölfjähriger stirbt nach Unfall mit Rettungswagen.“ Das Kind ist fast auf den Tag genau vor einem Jahr verunglückt. Beinahe wäre ich innerhalb eines Jahres das zweite Todesopfer in Lübeck gewesen, das von einem Rettungswagen überfahren worden wäre.

Ich versuche, offizielle Zahlen zu bekommen, frage beim Bundesverkehrsministerium und bei der Bundesanstalt für Straßenwesen nach. Fehlanzeige. Keine Behörde, auch die Polizei nicht, zählt, wie oft Rettungswagen in Verkehrsunfälle verwickelt sind. Es gibt nur eine Studie des Bundesamtes für das Straßenwesen aus dem Jahr 2007, die davon ausgeht, dass hochgerechnet 73 Menschen pro Jahr bei Unfällen mit Rettungswagen sterben. Alle fünf Tage ein Todesopfer, also. Bei geschätzten 20 Millionen Einsatzfahrten pro Jahr.

Ein Polizist klettert am 27. März.2017 in Berlin am Frankfurter Tor über eine Leiter auf einen umgestürzten Krankenwagen. Sieben Personen wurden bei dem Unfall verletzt.

RETTUNGSWAGEN-UNFÄLLE 2017 UND 2016

Alle paar Tage kracht es

Keine Behörde führt Buch darüber, wie viele Unfälle mit Rettungswagen in Deutschland passieren. Es kracht offenbar alle paar Tage, wie die unvollständige Auswertung von Pressemeldungen zeigt.

Von Kerstin Herrnkind

Meistens sind Rettungswagenfahrer schuld

Wie viele Opfer es wirklich gibt, weiß niemand. „Verkehrsunfälle bei Einsatzfahrten werden nur in den seltensten Fällen überregional bekannt“, steht in einer Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. „Nicht zuletzt deshalb, weil es oft als äußerst unangenehm und peinlich empfunden wird, derartige Ereignisse außerhalb der betroffenen Institutionen zu verbreiten.“ Vielleicht ist es den Rettern nicht ohne Grund „unangenehm und peinlich“. Denn wenn es kracht, sind sie meistens schuld. Laut Berufsgenossenschaft in 65 Prozent der Fälle.

Rettungssanitäter sind Helden

„Sie fahren oft zu schnell“, sagt der Münchener Rechtsanwalt Alexander Stevens, bekannt aus der Fernsehserie „Richter Alexander Hold“, in der er den Strafverteidiger spielte. Stevens ist ausgebildeter Sanitäter, fuhr zehn Jahre lang Rettungswagen. Dann baute auch er im Einsatz einen Unfall. Und schrieb seine Doktorarbeit darüber, wie gefährlich Einsatzfahrten mit Martinshorn und Blaulicht sind.

Notarzt: Notruf 112

STERN-REPORTAGE

UNTERWEGS MIT RETTUNGSKRÄFTEN

Über Helfer, die immer richtig reagieren müssen – auch wenn ihre Arbeit behindert wird

An dieser Stelle wird es Zeit für eine Verbeugung. Rettungswagenfahrer sind Helden. Sie helfen Kranken und retten Menschenleben. Dafür verdienen sie Respekt. Es ist unerträglich, dass es Leute gibt, die sie bei ihren Einsätzen behindern. Oder gar angreifen.

Doch Einsatzfahrten haben, wie Stevens es ausdrückt, eine „nicht zu vernachlässigende Kehrseite“. Und diese Kehrseite sei ein „Tabuthema“. Denn das Risiko, dass es während Einsatzfahrten zu tödlichen Unfällen kommt, ist um ein Vierfaches höher als bei Fahrten ohne Martinshorn und Blaulicht. Das Risiko, dass es Schwerverletzte gibt, steigt um ein Achtfaches. Und die Gefahr, dass es zu Unfällen mit hohen Sachschäden kommt, ist 17 Mal höher.

Gefährliche Sonderrechte

Rettungswagenfahrer genießen im Straßenverkehr „Sonderrechte“. Das ist durchaus sinnvoll. Schließlich müssen sie schnell sein, wenn es um Leben und Tod geht. Aber diese Sonderrechte sind es auch, die Einsatzfahrten so gefährlich machen. Rettungswagenfahrer dürfen im Notfall so schnell fahren, wie sie es für richtig halten. Allerdings muss höchste Eile geboten sein, um Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden. Gleichzeitig müssen die Fahrer „die öffentliche Sicherheit und Ordnung gebührend“ berücksichtigen. Was das heißt, ist allerdings Auslegungssache. „Die Rechtslage ist nebulös“, kritisiert Stevens. „Sie lässt die Einsatzkräfte alleine und wird, wenn es zum Unfall kommt, den Opfern nicht gerecht.“

Denn selbst wenn sie einen Unfall verursachen, bei denen Menschen verletzt oder getötet werden, müssen sich Rettungswagenfahrer so gut wie nie vor Gericht verantworten. Staatsanwälte wollten „den altruistischen Helfern das scharfe Schwert des Strafrechts ersparen“, hat Stevens herausgefunden. „Die meisten Verfahren werden eingestellt – aus falsch verstandenem Respekt.“

Angst vor dem öffentlichen Aufschrei

Dass die Milde der Justiz mitunter an Strafvereitelung im Amt grenzt, zeigt ein Fall, den der Jurist für seine Dissertation recherchiert hat: In Sachsen hängte sich ein Motorradfahrer an einen Rettungswagen. Im Windschatten der Retter fuhr der Biker über eine rote Ampel. Darüber war der Notarzt so verärgert, dass er seinen Fahrer anwies, zu bremsen. Tatsächlich stoppte der Fahrer. Der Motorradfahrer fuhr dem Rettungswagen hinten rein und wurde verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte nur gegen den Motorradfahrer. Nicht aber gegen den Fahrer und Notarzt wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Warum nicht? „Ein Verfahren gegen den Notarzt“ hätte „zu einem Aufschrei in der Bevölkerung und der Presse geführt“, schrieb der Staatsanwalt Stevens. Auch ein Staatsanwalt aus Hessen bekannte gegenüber dem Doktoranten freimütig: Solche Unfälle würden „auf dem kleinen Dienstweg“ erledigt und die Opfer auf den Zivilklageweg verwiesen. „Das hat mit Rechtsstaat nichts mehr zu tun“, sagt Stevens.

RTW rast mit 118 km/h durch die Stadt …

Auch der Unfall in Lübeck, bei dem Anfang März 2016 ein zwölfjähriger Junge gestorben ist, zeigt, wie nachsichtig die Justiz mit Rettern umgeht, selbst wenn sie töten. Gegen 16.30 Uhr macht sich der zwölfjährige Yassin auf den Weg zum Fußballtraining. Er will pünktlich sein, hat gerade den Verein gewechselt. Neben Schach ist Fußball seine große Leidenschaft. Er schwärmt für Real-Madrid-Spieler Cristiano Ronaldo.

RETTUNGSGASSE IM MINIATUR WUNDERLAND
Dieses Video ist niedlich, aber es kann Leben retten
Video (1:42 Min.)

Etwa zu dieser Zeit bekommt die Besatzung eines Rettungswagens des Deutschen Roten Kreuzes einen Einsatz. Ein Patient mit Magenblutung muss in die Klinik. Es eilt. Nicht nur, weil schwere Magenblutungen lebensgefährlich sind. Hilfsbedürftige sollten nicht länger als zwölf Minuten auf die Retter warten. So will es das Gesetz. Doch der Kranke liegt nicht in Lübeck, sondern in einer angrenzenden Gemeinde. Der RTW steht knapp sechs Kilometer vom Einsatzort entfernt, vor einer Klinik am Rande der Innenstadt. Der Rettungswagenfahrer muss also im Feierabendverkehr quer durch die City. Er gibt Gas, rast mit bis zu 118 km/h durch die Stadt.

… und tötet ein Kind

Yassin steigt an der Fackenburger Allee aus dem Bus. Die Hauptverkehrsstraße ist mehrere Kilometer lang, wird von Nebenstraßen gekreuzt. Gerade setzt der Feierabendverkehr ein. Doch eigentlich herrscht hier immer Rush-Hour. Vier Spuren. 27.800 Autos innerhalb von 24 Stunden. Yassin muss noch einmal umsteigen. Die Bushaltestelle liegt auf der anderen Straßenseite.

Der zwölfjährige Yassin ein paar Tage vor seinem tödlichen Unfall an der Trave in Lübeck

Der zwölfjährige Yassin ein paar Tage vor seinem tödlichen Unfall an der Trave in Lübeck

Gegen 16.40 bemerkt ein Passant, der auf dem Fußweg vor der roten Ampel wartet, den dunkelhaarigen Jungen neben sich. Das Kind, so sagt er später bei der Polizei aus, macht einen Schritt auf die Straße, kehrt wieder um. Plötzlich hört der Passant das Martinshorn schrillen, dreht den Kopf nach rechts, sieht den Rettungswagen. Als er sich wieder umdreht, läuft der Junge los. Der Rettungswagen bremst. Doch er ist, wie der Fahrtenschreibers später beweist, 20 Meter vor dem Unfall, noch 100 km/h schnell.

Ausgeprägtes Schädel-Hirn-Trauma

Der Rettungswagen erwischt das Kind mit der linken Vorderseite, fährt in ein parkendes Auto. Die Rettungsmannschaft bleibt unverletzt. Der Fahrer springt aus dem Wagen, versorgt den Jungen gemeinsam mit seinen beiden Kollegen, obwohl alle unter Schock stehen. Schwer verletzt wird Yassin in die Uniklinik gebracht.

Yassins Mutter, die in Hamburg arbeitet, bekommt wenig später den Anruf, dass ihr Sohn verunglückt ist. Sie setzt sich ins Taxi, fährt nach Lübeck in die Uniklinik. „Mein Mann kam mir weinend entgegen“, erzählt sie. „Er meinte, es sähe nicht gut aus.“ Yassin hat ein ausgeprägtes Hirn-Schädel-Trauma, mehrere Brüche und weitere, schwere Verletzungen. „Er lag an Schläuchen, war nicht bei Bewusstsein und starb zehn Minuten später“, sagt seine Mutter. Ihre Stimme bricht.

Der Zeuge, der beobachtet hat, wie Yassin überfahren wurde, stellt Strafantrag gegen den Rettungswagenfahrer. Zwar sagt er aus, dass der Junge bei rot über die Ampel gelaufen sei. Er gibt allerdings auch zu Protokoll: „Ich möchte noch einmal betonen, dass für mich der Rettungswagenfahrer viel zu schnell war.“ Andere Zeugen wollen gesehen haben, dass die Ampel grün leuchtete, als Yassin über die Straße lief. Die Grünphase dieser Ampel ist ohnehin kurz: Zwölf Sekunden haben Fußgänger Zeit, um die 13 Meter breite Straße zu überqueren. Für Kinder und alte Menschen kaum zu schaffen.

ADAC: Kinder sind im Verkehr unberechenbar

Obwohl sich die Zeugen widersprechen, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass Yassin bei rot über die Ampel gelaufen ist. Die Behörde glaubt dem Zeugen, der direkt neben dem Jungen gestanden hat. Darin, dass der Fahrer mit 118 km/h durch die Stadt gerast ist, sehen die Strafverfolger „keine Sorgfaltsverletzung“. Zwar räumt die Staatsanwaltschaft ein, dass Rettungswagenfahrer den „Grundsatz“ zu beachten hätten, „dass keine anderen Verkehrsteilnehmer zu Schaden kommen“ dürften. Sie hätten auch die öffentliche Sicherheit „gebührend“ zu beachten. Allerdings hätte der Fahrer nicht damit rechnen können, dass Yassin bei rot über die Ampel laufen würde. Vor allem, weil er ja einmal umgedreht sei. Was der Fahrer allerdings genau gesehen hat, ist unklar. Er hat die Aussage verweigert.

Merkwürdig  auch, dass Yassin von der Staatsanwaltschaft als „Jugendlicher“ bezeichnet wird, obwohl er erst zwölf Jahre alt und nach dem Gesetz eindeutig noch ein Kind war. In der Nähe der Unfallstelle sind eine Ganztagsschule, ein Altenheim und ein Fußballplatz, auf dem Kinder und Jugendliche nachmittags trainieren. Eigentlich ist hier ständig mit Kindern zu rechnen. Und die gelten im Straßenverkehr per se als Sicherheitsrisiko. „Kinder sind für die anderen Verkehrsteilnehmer unberechenbar“, warnt der ADAC auf seiner Internetseite. „Straßenverkehr ist Stress, besonders für Schulkinder, die alles andere im Kopf haben als Autos oder Ampeln.“

„Einstellung verstößt gegen das Legalitätsprinzp“

Durfte der Rettungswagenfahrer wirklich so schnell fahren, wie auf einer Autobahn? Mitten in der Stadt? Konnte er bei 118 km/h im dichten Feierabendverkehr die öffentliche Sicherheit noch „gebührend“ berücksichtigen?

Nein, sagt Rechtsanwalt Stefan Kranz, der Yassins Eltern vertritt. Er hält die Einstellung der Staatsanwaltschaft für rechtswidrig. „Die Einstellung des Verfahrens verletzt das Legalitätsprinzip“, sagt er. „Jede Abweichung von der Straßenverkehrsordnung erfordert besondere Vorsicht und eine besondere defensive Fahrweise. Eine angepasste Geschwindigkeit setzt voraus, dass Andere nicht gefährdet sind und die Fahrsicherheit gewährleistet ist. Das Befahren einer stark frequentierten Hauptverkehrsstraße innerorts mit einer Geschwindigkeit von 118 km/h wird diesen Sorgfaltspflichten nach meiner Auffassung nicht gerecht, zumal bei Kindern auch stets in Erwägung gezogen werden muss, dass diese sich nicht immer verkehrsgerecht verhalten.“ Doch auch seine Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft hatte keinen Erfolg. Für die Justiz ist der Fall erledigt.

Für die Lübecker Feuerwehr ist der Unfall mit der Einstellung dagegen „natürlich nicht“ erledigt, wie Feuerwehrchef Bernd Neumann versichert. Auch er hält eine Geschwindigkeit von 118 km/h auf dieser Hauptverkehrsstraße „für äußerst schnell und nicht angemessen“. Er will dafür sorgen, dass Rettungswagenfahrer auch künftig auf Fortbildungen für die Gefahren bei Sonderrechtsfahrten „sensibilisiert“ werden.

Retter überfährt geistig Behinderten

Yassin blieb nicht das einzige Todesopfer im Jahr 2016. Sieben Monate später, Anfang Oktober, stieß im Schwarzwald ein Motorradfahrer mit einem Rettungswagen zusammen. Der Biker starb noch an der Unfallstelle. Nur wenige Wochen später, Anfang November, kam im Emsland ein Rettungswagen nachts in einer Kurve von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Drei Menschen, darunter der Fahrer selbst, sein Beifahrer und der Patient, den sie an Bord hatten, kamen ums Leben. Nur Tage später, Ende November, wurde der 54-jährige Oleg K. in Datteln (NRW) von einem Notarztwagen erfasst und starb. Er war geistig behindert, fand sich jedoch im Alltag zurecht. Seine Schwester Irina, bei der er seit Jahren lebte, gab ihm jeden Tag eine Aufgabe, um seine Selbstständigkeit zu fördern. An diesem Samstag sollte Oleg Milch aus dem Supermarkt holen gehen.

Oleg K. (rechts) mit seiner Familie. Er wurde von einem Notarztwagen überfahren, als er bei grüner Ampel eine Straße überquerte. 

Oleg K. (rechts) mit seiner Familie. Er wurde von einem Notarztwagen überfahren, als er bei grüner Ampel eine Straße überquerte.

Um kurz vor 17 Uhr macht sich Oleg K. auf den Weg. Es ist dunkel, aber trocken. An der Kreuzung geht er über die Straße. Die Zeugen widersprechen sich später, ob die Ampel für Oleg K. auf rot oder grün zeigt. Von rechts fährt ein Notarztwagen mit Blaulicht und Martinshorn auf die Kreuzung. Der Fahrer will einen Arzt aus der Klinik abholen, um ihn zu einem Notfall zu bringen. „Ich dachte noch, warum läuft der weiter. Der muss doch die Feuerwehr hören und sehen“, wird ein Zeuge später aussagen. Doch Oleg K. ist auf dem rechten Ohr taub. Siebeneinhalb Meter wird er über die Straße geschleudert.

„Er hat es leider nicht geschafft“

Ein Nachbar, der von dem Unfall erfahren hat, klingelt bei Irina B. Die Schwester von Oleg K. macht sich mit ihrer Tochter sofort auf den Weg zur Unfallstelle. An der Kreuzung sehen sie Oleg K. in seinem Blut liegen. „Er hat es leider nicht geschafft“, sagt der Notarzt. „Diesen Anblick, wie er da lag, so verdreht in seinem Blut, werde ich nie vergessen“, sagt Irina B. weinend.

Ein Gutachten hat inzwischen ergeben, dass Oleg K. bei grün über die Ampel gegangen ist. Und dass der Fahrer 42 km/h gefahren ist. Der Unfall, so der Gutachter, wäre womöglich vermeidbar gewesen, wenn der Fahrer in der Dunkelheit langsamer auf die Kreuzung gefahren wäre. „Ohne eine gründliche und tendenzlose Aufklärung des Sachverhaltes ist die Verarbeitung des Geschehens für die Angehörigen des Opfers kaum möglich“, sagt Rechtsanwalt Simon Christian Schneider aus Datteln, der die Familie von Oleg K. vertritt. Die Staatsanwaltschaft Bochum hat noch nicht entschieden, ob sie Anklage erhebt.

Experte: Gesetz hat Lücken

Alexander Stevens kennt das Gefühl, wie es ist, wenn man als Rettungswagenfahrer einen Unfall gebaut hat und die Staatsanwaltschaft ermittelt. Stevens war mit seinem Rettungswagen in eine Sparkasse gerast. Auch er war zu schnell gewesen. Ein Mann war leicht verletzt worden, der Sachschaden fünfstellig. „Ich war pikiert“, sagt er. „Ich dachte, ich opfere mich hier auf und werde auch noch angezeigt und womöglich bestraft.“

Doch der Jurist wunderte sich auch: „Das Abschleppauto war so schnell da, dass die Zeitung nichts von dem Unfall mitbekommen hat. Fast hatte ich den Eindruck, dass da was vertuscht werden sollte.“ Auch das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Und Stevens hatte das Thema für seine Dissertation gefunden. Sieben Jahre lang hat er geforscht. Nun fordert er eine Gesetzesänderung. „Im Gesetz steht nur, dass Sonderrechtsfahrer von den Regeln der Straßenverkehrsordnung befreit sind, nicht aber, wie genau sie sich verhalten sollen. Es wäre hilfreich, wenn es konkrete Regelungen gebe.“

Schnelles Fahren ist gefährlich und sinnlos

Vielleicht ist es an der Zeit, über eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Einsatzfahrer nachzudenken. Die Autoren des Buches „Leitfaden Rettungsdienst“, eine Art Bibel für Rettungssanitäter, raten ihren Kollegen, in geschlossenen Ortschaften nicht schneller als 80 km/h zu fahren. Und in 30er-Zonen 40 bis 50 km/h. Auch die Berufsgenossenschaft warnt: „Die altbekannte Weisheit: ‚Fahr’ langsam, wir haben’s eilig’, gilt bei Alarmfahrten in besonderem Maße.“ Schnelles Fahren sei nicht nur gefährlich, sondern auch sinnlos. „Die zurückzulegende Fahrtstrecke ist stets relativ kurz, so dass der Faktor Höchstgeschwindigkeit rein physikalisch betrachtet kaum spürbaren Einfluss auf die Zeit zum Erreichen des Zieles hat.“ Im Gegenteil. „Ein schnell fahrendes Fahrzeug muss häufiger verkehrsbedingt abbremsen und wieder beschleunigen, wodurch sich der vermeintliche Zeitgewinn vollkommen aufhebt.“

*

Ich sehe mir die Stelle, an der ich fast ums Leben gekommen wäre, noch einmal bei Tageslicht an. Die Straße macht einen leichten Knick. Wenn man auf der Verkehrsinsel steht, hat es immer den Anschein, als würden die Autos auf die Insel zurasen. Ich hätte einfach nur stehenbleiben müssen. Es war unlogisch loszurennen. Aber ich bin in Panik geraten. Der RTW-Fahrer, der mich beinahe über den Haufen gefahren hätte, wird nicht gefunden. Zur fraglichen Zeit waren in dieser Gegend sieben Einsatzfahrzeuge unterwegs, teilt mir die Feuerwehr mit. Schade, ich hätte dem RTW-Fahrer gerne gesagt, dass ich ihn nicht ärgern wollte. Dass ich falsch reagiert habe, wie Menschen es manchmal eben tun. Aber auch, dass er für mein Gefühl zu schnell war. Viel zu schnell. Und dass ich auch ein Kind hätte sein können, wie Yassin. „Du hattest so wenig Zeit, um dein Leben zu leben“, steht in dem Schulheft, in dem sich seine Klassenkameraden die Trauer von der Seele geschrieben haben. „Wir konnten nicht mal ‚Tschüss‘ sagen … Wir werden dich nie vergessen.“

*

Der Fast-Unfall verändert mich. In einer Bäckerei schreibt die Verkäuferin an einer Liste, seelenruhig, während die Schlange vor der Theke immer länger wird. Anstatt zu quengeln, warte ich. Sie wird ihre Gründe haben. Draußen regnet es, der Himmel ist grau. Na, und? Mein Nacken schmerzt. Wenn’s weiter nichts ist.

Der Kollege in der Cafeteria verziert meinen Milchkaffee mit einem Glücksschwein. Er ahnt nicht, was mir passiert ist. Und auch nicht, wie sehr ich mich über solche Kleinigkeiten plötzlich freuen kann.

 

https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/unfaelle-mit-rettungswagen–wenn-rasende-retter-zum-risiko-werden-7477906.html

2018-02-24T15:11:16+00:00 Von |

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