Der perfekte Mord und ein bisschen Sex

Herr Stevens, mal ganz unter uns, mein Mann macht nicht, was ich sage. Er weigert sich, das Geschirr zu spülen. Aber er hat eine dicke Risikolebensversicherung. Hätten Sie da nicht einen Tipp für mich? Sie behaupten doch in Ihrem Buch, es gebe den perfekten Mord …

… aber, aber, liebe Frau Herrnkind, als Anwalt darf ich Ihnen da keinen Rat geben, sondern muss Sie mit erhobenen Zeigefinger darauf hinweisen, dass das strafbar ist.

Aber Sie beschreiben in ihrem Buch perfekte Morde. Fürchten Sie nicht, dass das als Anleitung missbraucht werden könnte?

Mein Buch richtet sich an diejenigen, die bestreiten, dass es den perfekten Mord gibt. Das fördert diese Scheuklappenblindheit, die dazu führt, dass sich nichts ändert. Ich will Aufklärungsarbeit leisten und keine potenziellen Mörder ermutigen. Aber wenn man mit spanenden Fällen auch ein wenig unterhalten kann, ist das ein schöner Nebeneffekt.

In Deutschland werden über 90 Prozent aller Morde aufgeklärt. Die meisten Mörder werden also geschnappt. Wie können Sie da behaupten, der perfekte Mord sei sogar „Alltag in Deutschland“?

Es werden nur über 90 Prozent der entdeckten Morde aufgeklärt. Wie diese Statistik inklusive aller unentdeckte Morde aussehen würde, steht auf einem anderen Blatt. Die Universität Münster  kommt jedenfalls in einer Studie zu dem Ergebnis, dass allein in Deutschland jährlich bei rund 11.000 Toten fälschlicherweise eine natürliche Todesursache diagnostiziert wird von denen 1200 Tötungsdelikte sind!

Woran liegt das?

Das liegt vor allem – aber nicht nur – an der schlechten Leichenschau, weil zum Beispiel die Ärzte, die sich die Toten angucken, nicht gut genug ausgebildet sind – vor allem in ländlichen Gegenden.

Aber wir können doch nicht jede Leiche obduzieren lassen. Was schlagen Sie vor?

Richtig. Bei etwa 850.000 Todesfällen im Jahr hätten Rechtsmediziner alle Hände voll zu tun. Aber es würde ja schon helfen, wenn nur Ärzte mit besonderer Zusatzausbildung die Leichenschau durchführen dürften und es zum Beispiel auch nicht der Hausarzt sein dürfte, der womöglich nicht sonderlich objektiv ist, wenn die Angehörigen des Toten zugleich auch seine Patienten sind. Er könnte unter Umständen gehemmt sein, eine Diagnose zu stellen, die selbige dann postwendend ins Gefängnis bringt – sollte er einen nicht natürlichen Tod feststellen.

Meine erste Frage war natürlich ein übler Scherz. Mein Mann ist reizend, auch wenn er keine Risikolebensversicherung hat. Unsere Geschirrspülmaschine erledigt ihren Job zuverlässig. Unsere letzte Kreuzfahrt war wunderbar. Sie schreiben in ihrem Buch darüber, wie gefährlich Kreuzfahrten für Eheleute sind.

Ja. Vor Jahren lernte ich auf Key West einen Mann kennen. Wir plauderten über dies und das. Später hat er mir dann einen Brief geschrieben, in dem er mir geschildert hat, wie er seine Ehefrau von Bord eines Kreuzfahrtschiffes ins Meer geworfen hat. Er ist nie überführt worden. Im Gegenteil. Er bekam eine Million Dollar von der Reederei, damit er nicht öffentlich macht, dass ein Bordgast „verschollen“ ist.

Was haben Sie empfunden, als sich Ihnen dieser Mörder offenbart hat?

Ich war mir zunächst sicher, dass das nur ein Wichtigtuer ist und habe dann eigene Recherchen angestellt. Doch siehe da, seine  Geschichte deckte sich mit den etwa 100 anderen Geschichten von Leuten, die in den letzten 15 Jahren spurlos verschwunden sind. Und tatsächlich scheinen auch die Reedereien alles daranzusetzen, Informationen über solcherlei Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Natürlich! Denn mal ehrlich: Würden Sie mit einer teuren Kreuzfahrtreederei Urlaub machen wollen, bei der es regelmäßig zu Unfällen und womöglich schweren Straftaten kommt?

Haben Sie überlegt, den Mann anzuzeigen?

Mal abgesehen davon, dass das meine anwaltliche Schweigepflicht verbieten würde, war der Brief vielmehr für mich der Grund zu recherchieren, ob es wirklich so leicht ist, jemanden auf einem Kreuzfahrtschiff umzubringen.

Und? Ist es so leicht?

Leider ja. Ein Kreuzfahrtschiff eignet sich besonders gut für einen perfekten Mord, so zynisch das jetzt klingen mag.

Warum?

Viele dieser Schiffe fahren nicht unter deutscher Flagge. Sie sind in Ländern registriert, die es mit allgemeinen rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht so genau nehmen. Die Behörden zeigen kein Interesse an Ermittlungen. Hinzu kommt, dass 99 Prozent der Menschen, die auf einem Kreuzfahrtschiff verschwinden, nie wieder auftauchen, sprich Sachspuren, die auf ein Fremdverschulden hinweisen könnten, schlicht nicht vorhanden sind.

Aber wenn ein deutscher Staatsbürger verschwindet, sind deutsche Ermittler zuständig.

Stimmt, aber diese Schiffe müssen deutsche Ermittler nicht an Bord lassen.  Nachdem pro Jahr durchschnittlich 13 Menschen an Board eines Kreuzfahrtschiffs „verschwinden“, haben die Amerikaner zu Zeiten Obamas für ihre Staatsbürger eine Ausnahme geschaffen. Ein Gesetz verpflichtet die Kapitäne, das FBI 48 Stunden an Bord der Schiffe zu lassen.  Aber das gilt eben nur, wenn US-Amerikaner verschwunden sind. Und 48 Stunden sind kurz für gründliche Ermittlungen.

Sie behaupten, die Geschichten in Ihrem Buch seien alle wahr.

Stimmt. Ich habe sie nur mit Rücksicht auf Opfer und Täter verfremdet. Aber im Kern stimmen sie alle.

Eine Geschichte klingt so skurril, dass man sie kaum glauben mag.

Welche ist das?

Der Fall der Karrierefrau, die mit HIV infiziert ist. Sie jettet um die Welt, gaukelt über 60 Männern die große Liebe vor, steckt sie in mörderischer Absicht mit HIV an. Als ihr ein Steuerberater, mit dem sie ein Verhältnis hatte, auf die Schliche kommt, verschwindet sie. Entsetzt stellt der Steuerberater fest, dass er von der Frau mit HIV infiziert worden ist und erstattet Anzeige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch dann geht bei der Staatsanwaltschaft ein Totenschein aus Thailand ein: Die Frau soll sich in ein Krokodilbecken gestürzt und Selbstmord begangen haben …

… das ist in Thailand tatsächlich eine Art des Selbstmords, die immer wieder vorkommt …

Obwohl ein Privatdetektiv herausfindet, dass es am genannten Todestag gar keinen Selbstmord im Krokodilbecken gab, hält der Staatsanwalt die Urkunde für echt. Er stellt das Verfahren ein.   

Das ist genau die Geschichte, die mich veranlasst hat, dieses Buch zu schreiben.

Warum?

Ich bin damals selbst nach Thailand geflogen, um eigene Ermittlungen anzustellen. Da auch ich sicher war, dass die Dame nicht tot ist, habe ich mir – um die Staatsanwaltschaft davon zu überzeugen, wie einfach es ist –   einen gefälschten Lufthansa-Pilotenausweis und das Zeugnis einer Eliteuniversität besorgt. Es war kein Problem. Diese gefakten Dokumente habe ich dem Staatsanwalt in Deutschland auf den Tisch gelegt. Ich habe gesagt: „Sie müssen in diesem Fall weiter ermitteln. Der Totenschein ist gefälscht. Die Täterin lebt womöglich noch. Die Papiere, die ich mir habe fälschen lassen, beweisen doch, wie leicht das ist.“

Was hat der Staatsanwalt gesagt?

Er antwortete, er würde überlegen, gegen mich ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Wegen Urkundenfälschung.

Kaum zu glauben.

Ja, ich bin noch heute ziemlich schockiert über diesen Staatsanwalt. Die Ermittlungen wurden nicht wieder aufgenommen.

Wenn Sie keine Bücher schreiben, arbeiten Sie als Anwalt. Schwerpunkt: Sexualstrafrecht. Vor ein paar Tagen saßen Sie bei Markus Lanz im Fernsehstudio und sprachen über die aktuelle Sexismus-Debatte, die unter dem Hashtag #Me Too geführt wird. Sie nannten die Debatte eine „Hexenjagd“. Warum?

#MeToo hat inzwischen einen Wikipedia-Eintrag in englischer Sprache. Ich war völlig entsetzt zu sehen, dass in diesem Eintrag die Namen aller Männer genannt werden, von denen Frauen behaupten, sie seien von ihnen sexuell belästigt worden. Das gleicht wirklich einer Hexenjagd. Bevor es kein Urteil gibt, gilt die Unschuldsvermutung. Wenn sich rausstellt, dass auch nur ein Fall nicht stimmt, fällt das auf die ganze #MeToo-Debatte zurück und macht sie unglaubwürdig.

Aber Sie werden nicht bestreiten, dass Frauen sexistischen Sprüchen und Grapschern ausgesetzt sind.

Nein. Deshalb war ja auch eine Sexualstrafrechtsreform wichtig.

Vor der Strafrechtsreform 2016 war der Griff an den Busen in Deutschland straffrei.  

Richtig. Aber leider hat der Gesetzgeber mit seinem politischen Aktionismus ein völlig ungenaues Gesetz erlassen.

Inwiefern?

Was zum Beispiel sexuelle Belästigung ist, wird nicht genau definiert. Im Gesetz heißt es nur: „Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“. Was fällt denn alles unter eine Belästigung? Nach den Buchstaben des Gesetzes könnte danach auch schon der Griff ans Knie eine sexuelle Belästigung sein. Es gehört sich natürlich nicht, jemanden ans Knie zu greifen. Aber ist das schon eine Straftat? Oder nur schlechtes Benehmen?

Herr Stevens, mal ganz unter uns, mein Mann macht nicht, was ich sage. Er weigert sich, das Geschirr zu spülen. Aber er hat eine dicke Risikolebensversicherung. Hätten Sie da nicht einen Tipp für mich? Sie behaupten doch in Ihrem Buch, es gebe den perfekten Mord …

… aber, aber, liebe Frau Herrnkind, als Anwalt darf ich Ihnen da keinen Rat geben, sondern muss Sie mit erhobenen Zeigefinger darauf hinweisen, dass das strafbar ist.

Aber Sie beschreiben in ihrem Buch perfekte Morde. Fürchten Sie nicht, dass das als Anleitung missbraucht werden könnte?

Mein Buch richtet sich an diejenigen, die bestreiten, dass es den perfekten Mord gibt. Das fördert diese Scheuklappenblindheit, die dazu führt, dass sich nichts ändert. Ich will Aufklärungsarbeit leisten und keine potenziellen Mörder ermutigen. Aber wenn man mit spanenden Fällen auch ein wenig unterhalten kann, ist das ein schöner Nebeneffekt.

In Deutschland werden über 90 Prozent aller Morde aufgeklärt. Die meisten Mörder werden also geschnappt. Wie können Sie da behaupten, der perfekte Mord sei sogar „Alltag in Deutschland“?

Es werden nur über 90 Prozent der entdeckten Morde aufgeklärt. Wie diese Statistik inklusive aller unentdeckte Morde aussehen würde, steht auf einem anderen Blatt. Die Universität Münster  kommt jedenfalls in einer Studie zu dem Ergebnis, dass allein in Deutschland jährlich bei rund 11.000 Toten fälschlicherweise eine natürliche Todesursache diagnostiziert wird von denen 1200 Tötungsdelikte sind!

Woran liegt das?

Das liegt vor allem – aber nicht nur – an der schlechten Leichenschau, weil zum Beispiel die Ärzte, die sich die Toten angucken, nicht gut genug ausgebildet sind – vor allem in ländlichen Gegenden.

Aber wir können doch nicht jede Leiche obduzieren lassen. Was schlagen Sie vor?

Richtig. Bei etwa 850.000 Todesfällen im Jahr hätten Rechtsmediziner alle Hände voll zu tun. Aber es würde ja schon helfen, wenn nur Ärzte mit besonderer Zusatzausbildung die Leichenschau durchführen dürften und es zum Beispiel auch nicht der Hausarzt sein dürfte, der womöglich nicht sonderlich objektiv ist, wenn die Angehörigen des Toten zugleich auch seine Patienten sind. Er könnte unter Umständen gehemmt sein, eine Diagnose zu stellen, die selbige dann postwendend ins Gefängnis bringt – sollte er einen nicht natürlichen Tod feststellen.

Meine erste Frage war natürlich ein übler Scherz. Mein Mann ist reizend, auch wenn er keine Risikolebensversicherung hat. Unsere Geschirrspülmaschine erledigt ihren Job zuverlässig. Unsere letzte Kreuzfahrt war wunderbar. Sie schreiben in ihrem Buch darüber, wie gefährlich Kreuzfahrten für Eheleute sind.

Ja. Vor Jahren lernte ich auf Key West einen Mann kennen. Wir plauderten über dies und das. Später hat er mir dann einen Brief geschrieben, in dem er mir geschildert hat, wie er seine Ehefrau von Bord eines Kreuzfahrtschiffes ins Meer geworfen hat. Er ist nie überführt worden. Im Gegenteil. Er bekam eine Million Dollar von der Reederei, damit er nicht öffentlich macht, dass ein Bordgast „verschollen“ ist.

Was haben Sie empfunden, als sich Ihnen dieser Mörder offenbart hat?

Ich war mir zunächst sicher, dass das nur ein Wichtigtuer ist und habe dann eigene Recherchen angestellt. Doch siehe da, seine  Geschichte deckte sich mit den etwa 100 anderen Geschichten von Leuten, die in den letzten 15 Jahren spurlos verschwunden sind. Und tatsächlich scheinen auch die Reedereien alles daranzusetzen, Informationen über solcherlei Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Natürlich! Denn mal ehrlich: Würden Sie mit einer teuren Kreuzfahrtreederei Urlaub machen wollen, bei der es regelmäßig zu Unfällen und womöglich schweren Straftaten kommt?

Haben Sie überlegt, den Mann anzuzeigen?

Mal abgesehen davon, dass das meine anwaltliche Schweigepflicht verbieten würde, war der Brief vielmehr für mich der Grund zu recherchieren, ob es wirklich so leicht ist, jemanden auf einem Kreuzfahrtschiff umzubringen.

Und? Ist es so leicht?

Leider ja. Ein Kreuzfahrtschiff eignet sich besonders gut für einen perfekten Mord, so zynisch das jetzt klingen mag.

Warum?

Viele dieser Schiffe fahren nicht unter deutscher Flagge. Sie sind in Ländern registriert, die es mit allgemeinen rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht so genau nehmen. Die Behörden zeigen kein Interesse an Ermittlungen. Hinzu kommt, dass 99 Prozent der Menschen, die auf einem Kreuzfahrtschiff verschwinden, nie wieder auftauchen, sprich Sachspuren, die auf ein Fremdverschulden hinweisen könnten, schlicht nicht vorhanden sind.

Aber wenn ein deutscher Staatsbürger verschwindet, sind deutsche Ermittler zuständig.

Stimmt, aber diese Schiffe müssen deutsche Ermittler nicht an Bord lassen.  Nachdem pro Jahr durchschnittlich 13 Menschen an Board eines Kreuzfahrtschiffs „verschwinden“, haben die Amerikaner zu Zeiten Obamas für ihre Staatsbürger eine Ausnahme geschaffen. Ein Gesetz verpflichtet die Kapitäne, das FBI 48 Stunden an Bord der Schiffe zu lassen.  Aber das gilt eben nur, wenn US-Amerikaner verschwunden sind. Und 48 Stunden sind kurz für gründliche Ermittlungen.

Sie behaupten, die Geschichten in Ihrem Buch seien alle wahr.

Stimmt. Ich habe sie nur mit Rücksicht auf Opfer und Täter verfremdet. Aber im Kern stimmen sie alle.

Eine Geschichte klingt so skurril, dass man sie kaum glauben mag.

Welche ist das?

Der Fall der Karrierefrau, die mit HIV infiziert ist. Sie jettet um die Welt, gaukelt über 60 Männern die große Liebe vor, steckt sie in mörderischer Absicht mit HIV an. Als ihr ein Steuerberater, mit dem sie ein Verhältnis hatte, auf die Schliche kommt, verschwindet sie. Entsetzt stellt der Steuerberater fest, dass er von der Frau mit HIV infiziert worden ist und erstattet Anzeige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch dann geht bei der Staatsanwaltschaft ein Totenschein aus Thailand ein: Die Frau soll sich in ein Krokodilbecken gestürzt und Selbstmord begangen haben …

… das ist in Thailand tatsächlich eine Art des Selbstmords, die immer wieder vorkommt …

Obwohl ein Privatdetektiv herausfindet, dass es am genannten Todestag gar keinen Selbstmord im Krokodilbecken gab, hält der Staatsanwalt die Urkunde für echt. Er stellt das Verfahren ein.   

Das ist genau die Geschichte, die mich veranlasst hat, dieses Buch zu schreiben.

Warum?

Ich bin damals selbst nach Thailand geflogen, um eigene Ermittlungen anzustellen. Da auch ich sicher war, dass die Dame nicht tot ist, habe ich mir – um die Staatsanwaltschaft davon zu überzeugen, wie einfach es ist –   einen gefälschten Lufthansa-Pilotenausweis und das Zeugnis einer Eliteuniversität besorgt. Es war kein Problem. Diese gefakten Dokumente habe ich dem Staatsanwalt in Deutschland auf den Tisch gelegt. Ich habe gesagt: „Sie müssen in diesem Fall weiter ermitteln. Der Totenschein ist gefälscht. Die Täterin lebt womöglich noch. Die Papiere, die ich mir habe fälschen lassen, beweisen doch, wie leicht das ist.“

Was hat der Staatsanwalt gesagt?

Er antwortete, er würde überlegen, gegen mich ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Wegen Urkundenfälschung.

Kaum zu glauben.

Ja, ich bin noch heute ziemlich schockiert über diesen Staatsanwalt. Die Ermittlungen wurden nicht wieder aufgenommen.

Wenn Sie keine Bücher schreiben, arbeiten Sie als Anwalt. Schwerpunkt: Sexualstrafrecht. Vor ein paar Tagen saßen Sie bei Markus Lanz im Fernsehstudio und sprachen über die aktuelle Sexismus-Debatte, die unter dem Hashtag #Me Too geführt wird. Sie nannten die Debatte eine „Hexenjagd“. Warum?

#MeToo hat inzwischen einen Wikipedia-Eintrag in englischer Sprache. Ich war völlig entsetzt zu sehen, dass in diesem Eintrag die Namen aller Männer genannt werden, von denen Frauen behaupten, sie seien von ihnen sexuell belästigt worden. Das gleicht wirklich einer Hexenjagd. Bevor es kein Urteil gibt, gilt die Unschuldsvermutung. Wenn sich rausstellt, dass auch nur ein Fall nicht stimmt, fällt das auf die ganze #MeToo-Debatte zurück und macht sie unglaubwürdig.

Aber Sie werden nicht bestreiten, dass Frauen sexistischen Sprüchen und Grapschern ausgesetzt sind.

Nein. Deshalb war ja auch eine Sexualstrafrechtsreform wichtig.

Vor der Strafrechtsreform 2016 war der Griff an den Busen in Deutschland straffrei.  

Richtig. Aber leider hat der Gesetzgeber mit seinem politischen Aktionismus ein völlig ungenaues Gesetz erlassen.

Inwiefern?

Was zum Beispiel sexuelle Belästigung ist, wird nicht genau definiert. Im Gesetz heißt es nur: „Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“. Was fällt denn alles unter eine Belästigung? Nach den Buchstaben des Gesetzes könnte danach auch schon der Griff ans Knie eine sexuelle Belästigung sein. Es gehört sich natürlich nicht, jemanden ans Knie zu greifen. Aber ist das schon eine Straftat? Oder nur schlechtes Benehmen?

Sie haben den Zuschauern geraten, keinen Sex mehr unter Alkoholeinfluss zu haben. Warum?

Im Gesetz steht nun, dass ein Täter bestraft wird, der es ausnutzt, wenn eine Person „in der Bildung oder Äußerung des Willens erheblich eingeschränkt ist“. Betrunkene sind unter Umständen in ihrem Willen eingeschränkt. Weiter liest man im Gesetz: „Es sei denn, er hat sich der Zustimmung dieser Person versichert.“ Das bedeutet, dass ich mich beim Sex mit einer betrunkenen Person vor jedem Kuss und Griff versichern muss, ob er oder sie das auch will. Mit Verlaub, dieses Gesetz müssen Leute geschrieben haben, die vermutlich noch nie Sex hatten.

Sie haben auch gesagt, Sie würden an der Bar nicht mehr den ersten Schritt wagen. Warum?

Genau darum. Bisher gab es einen Paragrafen, der die Erheblichkeitsschwelle festgelegt hat. Er setzt fest, wann eine sexuelle Handlung erheblich ist. Auf die sexuelle Belästigung ist die Erheblichkeitsschwelle nicht anwendbar. Das heißt, eine sexuelle Belästigung muss nicht mal mehr erheblich sein. Es kommt nur noch auf das subjektive Empfinden an, was das Opfer als Belästigung wahrgenommen hat. Schlimmstenfalls könnte die Hand auf dem Knie mit Gefängnis bestraft werden. Da warte ich lieber, bis die Frau ihre Hand bei mir aufs Knie legt, denn ich empfinde das sicherlich nicht als belästigend.

Kein Richter wird einen Angeklagten wohl verurteilen, weil er einer Frau oder einem Mann die Hand aufs Knie gelegt hat. Vermutlich würde es nicht mal eine Anklage geben.

Das sagt man immer, aber der Richter ist frei. Und wenn das Gesetz das hergibt?

Alexander Stevens: 9 ½ perfekte Morde: Wenn Schuldige davonkommen. Ein Strafverteidiger deckt auf. Piper-Verlag, 10 Euro.

 

http://https://www.piper.de/buecher/9-12-perfekte-morde-isbn-978-3-492-31144-1

2017-12-21T07:05:14+00:00 Von |