Katzenkönig auch für Nichtjuristen: Alexander Stevens‘ „9 ½ perfekte Morde“

Auch zu den „9 ½ perfekten Morden“ von Alexanders Stevens würde, wer nicht täglich Boulevardmedien konsumiert, wohl schon wegen ihres Untertitels im Bücherregal eher nicht greifen.  Aber der in ebendiesem zitierte Strafverteidiger (deckt auf, wie Schuldige davonkommen!) ist ein medial präsenter Münchner Anwalt, der uns explizit darauf hinwies, dass er sich bei der Erstellung des Werks, das es auf die Spiegel-Bestseller-Liste schaffte, auch ernsthaft juristische Gedanken gemacht habe.

Und tatsächlich kann man, auch als Jurist, speziell als Studierender der Rechtswissenschaften, Stevens Buch gemütlich an einem Sonntagnachmittag durchlesen, ohne seine Zeit zu verschwenden. Es erzählt exakt das, was der Titel verspricht: Geschichten von Menschen, die mit der Tötung Anderer straflos davongekommen sind.

Wer nichts gegen einfache Wahrheiten sowie eine jederzeit Partei ergreifende Sprache hat und sich nicht weiter daran stört, dass Stevens Hang zur Identifikation mit den männlichen Protagonisten seiner Geschichten auch vor den Tätern nicht Halt macht, kann in den Kurzgeschichten Wissenswertes erfahren. Nicht zuletzt, wie sich Recht für Nichtjuristen manchmal anfühlen muss.

Zwar wirkt Stevens, der seine Werke selbst regelmäßig auf Kreuzfahrten verfasst, glaubwürdiger und weit fundierter, wenn er von dem Mann erzählt, der seine Frau von Bord eines Luxusliners befördert hat, als wenn er sich auf das unsichere Terrain nicht geklärter Möglicherweise-Mafia-Morde begibt. Aber der – auch juristisch vorgebildete – Leser staunt nicht schlecht, wenn er erfährt, wie wenige Todesfälle pathologisch untersucht oder überhaupt erst als nicht natürlicher Art gekennzeichnet werden. Oder auch, dass die juristische Bewertung eines tödlichen Sexunfalls in der Regel glimpflicher abläuft als die eines anders gearteten, aber ebenfalls tödlich endenden Unfalls – weil der Täter wegen seines gesteigerten Lustempfindens und der eingeschränkten kognitiven Wahrnehmungsfähigkeit im Verlauf des Liebesspiels möglicherweise die Gefahr der Tötung nicht erkannt habe.

Natürlich muss der geneigte juristische Leser etwas nachsichtig sein mit Begrifflichkeiten, die juristisch anders besetzt sind. So könnte man trefflich darüber streiten, ob in allen erzählten Geschichten ein Mordmerkmal erfüllt ist. Aber auch hier rettet Stevens seine vom reißerischen Titel besudelte Ehre gleich selbst: Der promovierte Strafrechtler erklärt seinen Lesern nicht nur, was Mordmerkmale sind, sondern macht auch deutlich, wie komplex ihre Annahme oder Ablehnung zeitweise ist. Überhaupt verdeutlicht er mit seiner bildhaften, einfachen Sprache nichtjuristischen Leser, wie kompliziert Recht sein kann.

Nach der Lektüre kann auch ein Nichtjurist verstehen, warum man einen Mann, der in Chatforen junge Mädchen beim Suizid „begleitet“, in Deutschland nicht zur Verantwortung ziehen kann. Oder warum die Figur des Täters hinter dem Täter entwickelt wurde – ja, Stevens stellt auch den Katzenkönig-Fall vor. Wer also als Jurist, speziell Student der Zunft schon länger verzweifelt versucht, seinen nicht-juristischen Verwandten oder Freunden klar zu machen, womit er sich eigentlich so beschäftigt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Es liefert genug Stoff für lange Debatten-Abende; und ein Jurastudium braucht es für sein Verständnis beileibe nicht.

Alexander Stevens, 9 ½ perfekte Morde, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-31144-1

 

 

https://www.lto.de/recht/feuilleton/f/weihnachtsgeschenke-buecher-von-und-fuer-juristen/7/

2017-12-22T10:00:45+00:00 Von |