Was Sie schon immer über Gefängnisausbrüche wissen wollten

Von Lea Zora Freist | | Lesedauer: 6 Minuten

 

DIE WELT: Innerhalb von sieben Tagen sind neun Männer aus demselben Gefängnis getürmt – was ist da los in der JVA Plötzensee?

Alexander Stevens: Das ist ein trauriger Rekord. Zumal echte Ausbrüche wirklich selten sind. Vier Inhaftierten aus dem geschlossenen Vollzug der JVA Plötzensee ist das durch einen Lüftungsspalt in der Mauer gelungen – unbemerkt – das ist der eigentliche Skandal.

DIE WELT: Wie konnte es so weit kommen?

Stevens: Der Fehler ist ganz klar in der Berliner Politik zu suchen: Der Stadtstaat hat einfach viel zu wenig Personal. Es fehlen Justizvollzugsbeamte, die die Gefangenen überwachen, und darunter leidet die Sicherheit.

DIE WELT: Wie konnten die Inhaftierten aus dem geschlossen Teil denn überhaupt entkommen?

Stevens: Ein Gefängnis muss ja auch für die Resozialisierung der Inhaftierten sorgen. Deswegen bildet man die Gefangenen in Lehrberufen aus und lässt sie in eigenen Betrieben arbeiten, zum Beispiel wie in Plötzensee in der Autowerkstatt. Dort braucht man allerhand entsprechend schweres Gerät. Und da sind wir wieder beim Personalmangel: Denn in Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg sitzen mindestens zwei oder drei Wachleute neben den arbeitenden Gefangenen und beaufsichtigen sie mit Argusaugen. Zu Feierabend kontrollieren die Sicherheitsleute dann, ob alle Gerätschaften wieder ordnungsgemäß abgegeben wurden.

DIE WELT: Und das war in Berlin nicht so?

Stevens: Da habe ich große Zweifel. Die Flüchtigen haben anstaltseigenes Werkzeug bei ihrem Ausbruch benutzt. Die konnten die Flex und den Bohrhammer einfach mitnehmen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

DIE WELT: Was droht den Ausbrechern jetzt?

Stevens: Grundsätzlich ist Deutschland neben drei anderen Ländern weltweit der einzige Staat, wo der Ausbruch aus dem Gefängnis nicht strafbar ist. Weil unser Gesetz Freiheit als Gut einfach höher stellt als den Ausbruch. Man kann ihnen demnach also nicht verübeln, dass sie ihrem Freiheitsdrang nachgehen.

DIE WELT: Müssen die Männer wirklich nicht mit einer Strafe rechnen?

Stevens: So einfach ist es nicht. Denn man kann fast nicht ausbrechen, ohne Folgestraftaten zu begehen: Die vier Inhaftierten, die aus dem geschlossenen Teil der Anstalt in Plötzensee geflohen sind, denen kann eine sogenannte Gefangenenmeuterei vorgeworfen werden. Das trifft dann zu, wenn sich mehrere Häftlinge zusammentun, um mit Gewalt auszubrechen. Dafür werden bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe verhängt.

DIE WELT: Was noch?

Stevens: Wenn die Gefangenen den Lüftungsschacht in der Außenmauer der Haftanstalt aufbrechen, um zu entkommen, fällt das unter klassische Sachbeschädigung. Dafür drohen bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe. Man könnte sogar so weit gehen, dass man den Entflohenen Unterschlagung der Gefängniskleidung vorwirft. Dieser Strafbestand wird wohl aber nicht verfolgt, das ist doch zu geringfügig. Die Jungs müssen aber auf jeden Fall mit Disziplinarverfahren rechnen: Also beispielsweise mit Einzelhaft, Arrest oder dem Wegfall von Privilegien. Ihnen kann der Sport untersagt oder der Fernseher weggenommen werden.

DIE WELT: Es sind aber auch fünf aus dem offenen Vollzug entwichen, manche von ihnen standen kurz vor der Entlassung. Warum stiehlt man sich dann dennoch davon?

Stevens: Diese Leute sind ja eigentlich nicht zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Sie können sich sehr ungerecht behandelt gefühlt haben. Der Richter hatte sich ja bewusst gegen eine Haftstrafe entschieden und ihnen stattdessen eine Geldstrafe aufgebrummt. Ihr Problem: Sie konnten die finanzielle Forderung nicht erfüllen. Da man sie nicht einfach straflos davonkommen lassen kann, müssen sie eine Ersatzfreiheitsstrafe ableisten.

Die WELT: Da spielt Frust also eine große Rolle?

Stevens: Ja, und das ist jetzt mal kein reines Berliner Phänomen. Ich erlebe häufig, dass sich die Menschen nicht aus einem offenen Vollzug melden: Manche sind tagsüber bei ihrer Freundin, können sich nicht von ihr lossagen oder suchen eine Kneipe auf, betrinken sich hoffnungslos und sind nicht mehr in der Lage, pünktlich ins Gefängnis zurückzukehren. Am nächsten Tag haben sie Angst vor den Repressalien und trauen sich nicht zurück.

DIE WELT: Was sind in Plötzensee überhaupt für Kriminelle untergebracht?

Stevens: Die JVA Plötzensee ist kein Hochsicherheitsgefängnis, dort sitzen keine Schwerstkriminellen, sondern eher die Leicht- bis Mittelkriminellen ein: Also Leute, die zehnmal ohne Führerschein gefahren sind oder ein Dutzend Mal im Supermarkt geklaut haben.

DIE WELT: Ist Plötzensee also ein „Kuschelknast“?

Stevens: Das hört sich schon sehr danach an, zumal mehrere Gefängnisinsassen berichten, dass dort das Motto zwischen Wärter und Gefangenen gilt: Lasst ihr uns in Ruhe, lassen wir euch in Ruhe.

DIE WELT: Einer aus dem offenem Vollzug hat sich sehr schnell freiwillig zurückgemeldet. Wird ihm das angerechnet?

Stevens: Sein schlechtes Gewissen kommt zu spät. Würde das Thema in den Medien nicht gerade so hochkochen, hätte er wahrscheinlich nichts zu befürchten. Man würde sagen, okay, er hat mit der Rückkehr seinen „Goodwill“ gezeigt, drücken wir mal ein Auge zu. Der Justizsenator Berlins, Dirk Behrendt, hat allerdings angekündigt, dass der Gefangene in den geschlossenen Vollzug kommen wird. Eigentlich ist diese Maßnahme unverhältnismäßig: Man muss sich vor Augen führen, dass er kein „schwerer Junge“ ist: Der Mann wurde nicht zu einer Haftstrafe verurteilt, er hatte nur einfach keine Kohle, seine Strafe zu bezahlen. Jetzt ist er durch seinen dummen Fehler der Leidtragende des Massenausbruchs.

DIE WELT: Warum gibt es keine öffentlichen Fahndungsfotos?

Stevens: Die Polizei darf nicht selbst entscheiden, ob sie die Öffentlichkeit um Mithilfe bitten kann, sondern die Entscheidung trifft ein Richter. Und das ist auch gut so. Die Öffentlichkeitsfahndung ist ein krasser Eingriff ins Persönlichkeitsrecht. Deswegen muss man abwägen: Handelt es sich bei dem Ausbrecher um einen Raubmörder? Dann lautet die Antwort ganz klar: Öffentlichkeitsfahndung einleiten, denn der Mann stellt eine Gefahr für die Bevölkerung dar. Oder aber geht es um jemanden, der ein paar Mal schwarzgefahren ist? Dann stellt sich die Frage, ob sein Foto wirklich auf die Titelseiten der Zeitungen gedruckt werden muss und ob man ihn wirklich so kriminalisieren muss.

DIE WELT: Wie einfallsreich sind Häftlinge denn bei einem Ausbruch?

Stevens: Häftlinge brechen meist nicht aus der Justizvollzugsanstalt selbst aus, sondern auf einem Transport. Also zum Beispiel klagen sie über Schmerzen und müssen zu einem speziellen Arzt, weil die Untersuchung nicht in der JVA vorgenommen werden kann. Ich hatte kürzlich mal den Fall, dass ein Schwerstverbrecher auf dem Weg zum Radiologen getürmt ist: Der Wachtmeister ist zwar mit auf die Toilette gekommen, aber natürlich nicht mit in die Kabine, sondern vor der Tür stehen geblieben. Das hat der Häftling genutzt und ist durchs Klofenster geklettert. Der Mann saß wegen Vergewaltigung. Da schrillten natürlich sofort alle Alarmglocken: Und bei so einem dicken Fisch werden gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt. Und es hat funktioniert: Innerhalb von zwölf Stunden hatte die Polizei ihn wieder eingefangen.

https://www.welt.de/vermischtes/article172166941/Strafanstalten-Was-Sie-schon-immer-ueber-Gefaengnisausbrueche-wissen-wollten.html

2018-01-04T22:11:46+00:00 Von |

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