„Es gibt den perfekten Mord“

Alexander StevensMünchner Anwalt: 

John Schneider,  03.02.2018 – 08:00 Uhr

Viele Ermittler glauben, dass jeder Mord am Ende entdeckt wird. Ein Münchner Anwalt ist da ganz anderer Meinung.

Das nennt man dann wohl Multitalent: Alexander Stevens ist nicht nur Rechtsanwalt und TV-Schauspieler („Richter Alexander Hold“). Der 36-jährige Fachanwalt mit dem Spezialgebiet Sexualstrafrecht sang im Tölzer Knabenchor, ging aufs Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen, arbeitete als Synchronsprecher und Rettungsassistent. Und in seiner Kanzlei am Stiglmaierplatz hängen großformatige Bilder, die er selbst gemalt hat. Auch Autor ist er: „9 1/2 perfekte Morde“ (Piper, 10 Euro) ist sein viertes Buch.

AZ: Wie kommt man darauf, ein Buch über den perfekten Mord zu schreiben?
ALEXANDER STEVENS:
Das fing schon mit dem Studium an. Der erste solche Fall, der mir dort begegnet ist, ist der Katzenkönig-Fall. (Ein Polizist gerät in eine Psycho-Clique und wird von deren Mitgliedern dazu benutzt, einen Mord zu versuchen. Wenn er das Opfer nicht töte, werde der Katzenkönig – eine mystische Macht – die Menschheit vernichten, so ihre Drohung; die Red.). Das Interessante daran ist: Wie kann man Leute, die nicht unmittelbare Täter sind, als mittelbare Täter bestrafen? Der Fall ist so skurril, das kann sich kein Drehbruchautor ausdenken. Und damit hat es eigentlich angefangen. Wenn das Opfer gestorben wäre und der Katzenkönig nicht gekommen wäre, hätte der Täter weiter geschwiegen. Eigentlich der perfekte Mord. Doch die Frau überlebte, der Katzenkönig kam trotzdem nicht, worauf der Täter auspackte. Es ist ja oft nur der Zufall, der am Ende zur Aufdeckung führt.

Was war der Anlass für Sie, das Buch jetzt zu schreiben?
Ausschlaggebend war 2016 die Münchner Parkhausmord-Geschichte. Da wurde ja noch mal alles versucht, diesen Fall neu aufzurollen. Und was mich fasziniert hat, wie gut sich da die Medien haben instrumentalisieren lassen. Und ich auch noch nie erlebt habe, dass sich ein verurteilter Mörder einen Medienberater geleistet hat. Es wurde versucht, mit dem Ausdruck „Indizienprozess“ Stimmung zu machen. Dabei sind letztendlich alle Prozesse Indizienprozesse. Josef Wilfling (ehemaliger Chef der Münchner Mordkommission, d. Red.) behauptet, es gebe den perfekten Mord nicht. Die Kriminalistik wäre schon so weit, dass das nicht ginge. Ein LKA-Beamter hat jetzt ein Buch geschrieben und dasselbe behauptet. Wenn man aber mit Rechtsmedizinern spricht – Stichwort Leichenschau – merkt man schnell, dass das mitnichten der Fall ist.

Weil viele Morde gar nicht erst als Morde wahrgenommen werden?
Genau. Da kann ich aus meiner Praxis reden. Ich habe mir das Studium finanziert, indem ich zehn Jahre Rettungsdienst gefahren bin. Wir sind dann zu Todesfällen gefahren, die völlig mysteriös waren und die Leichen sind trotzdem nicht einmal entkleidet worden. Die Basics der Leichenschau wurden missachtet.

Auf solche Schlampereien kann man sich als Täter aber nicht verlassen.
Die Wahrscheinlichkeit ist umso höher, je älter die Person ist, weil sich das mit vielen Krankheiten plausibel erklären lässt. Und am besten den Hausarzt alarmieren. Der Hausarzt will niemanden verdächtigen, gleichzeitig ist die Leichenschau an sich ein makabres Unterfangen. Allein schon eine Leiche zu entkleiden kann schnell als Leichenfledderei gesehen werden. Die Angehörigen stehen dazu unter Schock. Und sind dann eher pikiert darüber, was man alles machen müsste bei einer Leichenschau.

In Bayern ist es besonders schlimm? Schlimmer als anderswo in Deutschland?
Ja. Zumindest bei der Feuerbestattung gibt es in anderen Bundesländern eine zweite Leichenschau. In Bayern nicht. Es gab auch schon Fälle andernorts, wo bei der zweiten Leichenschau eine Riesenwunde am Kopf gefunden wurde, die nicht mit einem Herzinfarkt zu tun haben konnte. Im Gegensatz zum Richter muss der Arzt nicht unbefangen sein: Mein bester Freund oder mein Bruder kann den Totenschein ausstellen.

Hat mich gewundert, dass Sie den Parkhausmord ins Buch aufgenommen haben.
Es ist der halbperfekte Mord. Das ist dem schauspielerischen Talent des Verurteilten geschuldet. Wie in anderen Fällen auch entwickeln Mörder oder Sexualstraftäter eine andere Persönlichkeit, beharren auf dem „Ich war’s nicht“, auch wenn die Indizien- oder Beweiskette erdrückend ist. Weil sie nicht wollen, dass sich auch der engste Kreis von ihnen abwendet. Das hat keiner so gut geschafft wie der Parkhausmörder, von dessen Schuld ich überzeugt bin, vor allem durch sein Auftreten im Prozess. Seine Familie hat sich das Millionenerbe gesichert, von dem er später profitieren könnte. Ist eine Frage der Abwägung. Und: Es wie er zu schaffen, den Abbruch des Jurastudiums so lange und vor so vielen Leuten versteckt zu halten, da gehört schon Talent dazu.

Gleich das erste Kapitel ist dem Mord auf hoher See gewidmet. Muss man sich Sorgen machen, wenn Sie jemanden zur Kreuzfahrt einladen?
(Stevens lacht.) Keiner will mit mir auf Kreuzfahrt gehen. Ich schreibe alle meine Bücher, das ist jetzt das vierte, auf Kreuzfahrten.

Steigen die mysteriösen Todesfälle, wenn Sie an Bord sind?
Nein. Ich bin eher der Typ „Leben und leben lassen“. Auch wenn Herr Wilfling sagt, jeder kann zum Mörder werden. Ich kann’s für mich ausschließen.

Falls doch: Welche Art würden Sie wählen?
Vor dem Buch die Kreuzfahrt. Aber jetzt, wo das jeder von mir weiß, würde ich eine Drohne als Mordwaffe wählen. Zumindest nach jetziger Rechtslage. Das ist idiotensicher. Selbst, wenn man erwischt wird, ist nie etwas Anderes als ein Unfall nachweisbar.

„Ich hatte Angst, dass es als Anleitung zum Mord verstanden wird“

Sänger, Schauspieler, Buchautor, Rechtsanwalt, Maler – es gibt nicht viel, was Sie nicht können. Was machen Sie am liebsten?
Ich kann nicht tanzen. (lacht) Schwierige Frage. Alles bedingt sich. Die ganze Autorenschaft ist ja durch den Anwaltsjob entstanden. Auch bei „Alexander Hold“ spiele ich mich ja nur selbst. Ich habe aber auch mal ‘ne Hauptrolle in einem Musical gehabt. Zu meinem Glück musste ich da nur singen, nicht tanzen.

Sie waren bei den Regensburger Domspatzen in der Zeit der Missbrauchs Anfang der 90er Jahre.
Ja. Aber davon habe ich nichts mitbekommen. Ich bin aber selbst gezüchtigt worden. Und verstehe, warum Missbrauchsfälle so lange unentdeckt bleiben. Kinder sind leicht beeinflussbar und erzählen ihren Eltern nichts, weil sie Angst haben, noch einmal bestraft zu werden. Sie haben ja was falsch gemacht.

Hatten Sie Angst, dass das Buch als Anleitung zum Mord missverstanden wird?
Hatte ich tatsächlich. Und habe deswegen sehr vorsichtig geschrieben. Es geht mehr darum, die juristischen Finessen herauszuarbeiten. Und das war auch das Schwierigste. Einem Laien beispielsweise den Eventualvorsatz bei Sex-Unfällen zu erklären. In dem Kapitel wird auch deutlich, dass ich viel anprangere, was schiefläuft in der Juristerei. Die Aufgabe des Buchs war aber natürlich auch, zu unterhalten und dafür die spannendsten Fälle rauszusuchen. Und zu sagen: „Leute, zu behaupten, es gebe keinen perfekten Mord, ist falsch“.

 

 

 

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.alexander-stevens-muenchner-anwalt-es-gibt-den-perfekten-mord.ec51d2ae-683f-488f-bb5e-8d865e73be3e.html

2018-02-04T03:04:16+00:00 Von |

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