Ab jetzt gilt: #youtoo Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Frauen die #metoo sagen!

Offenbar haben nicht nur die 45 % aller Deutschen von #metoo die Nase gestrichen voll (vgl. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/mehrheit-der-maenner-in-deutschland-haelt-metoo-debatte-fuer-uebertrieben-15427730.html). Auch die Ermittlungsbehörden – so scheint es – haben die seit Wochen anhaltende #metoo Bewegung satt. Denn aus Frankfurt weht jetzt ein starker Wind gegen Frauen die behaupten, sexuell belästigt oder bedrängt worden zu sein.

So hat die dortige Staatsanwaltschaft unlängst ein Strafverfahren wegen Verleumdung (bis zu 5 Jahre Gefängnis) gegen die stadtbekannte Rapperin Schwesta Ewa eingeleitet. (vgl. https://www.stern.de/lifestyle/leute/rapperin-schwesta-ewa-schildert-sexuelle-uebergriffe—und-wird-angezeigt-7853070.html)

Grund: Schwesta Ewa hatte öffentlich behauptet, während ihrer 8-Monatigen Zeit in U-Haft von Gefängniswärtern sexuell belästigt worden zu sein.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt geht also anscheinend davon aus, dass Schwesta Ewa die Justizbeamten verächtlich mache und sie in der öffentlichen Meinung herabwürdige – Verleumdung eben.

Dass Schwesta Ewa dabei sehr markante Details zu den Vorwürfen berichtet, z.B. dass einer der Wärter sie u.a. nachts mit den Worten aufweckte: „na was schmeckt denn bitter-süß wie Caipirinha“ oder wieder ein anderer Wärter sich nachts zu ihr aufs Bett gesetzt und ihr gesagt habe, wie geil er sie doch finde, interessiert die Staatsanwaltschaft ebenso wenig, wie der Gedanke, dass es nicht fernab jeglicher Lebenserfahrung liegen könnte, dass ein männlicher Wärter in einem Frauenknast schon mal „schwach“ wird.

Angesichts dieser neuen Gangart der Ermittlungsbehörden dürfte es also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch die ganzen Wedel-Anklägerinnen und alle die sonst noch so auf der #metoo-Welle mitschwimmen, Post von der Staatsanwaltschaft bekommen.

Eigentlich nur fair könnte man meinen, denn wenn Aussage gegen Aussage steht und es ansonsten keinerlei weitere Zeugen oder objektive Sachbeweise gibt, wem, soll man glauben?

„he says – she says“ sagt der Amerikaner, weshalb das angloamerikanische Recht reine Aussage gegen Aussage Konstellationen überhaupt gar nicht erst für eine Anklage zulässt – da könnte ja sonst jeder kommen und die Geschworenen folglich auch einfach würfeln, wem sie glauben.

Übrigens war das in Deutschland Jahrhunderte lang genauso – nicht dass etwa gewürfelt worden wäre, sondern, ganz im Gegenteil, dass ein einziger Zeuge niemals für eine richterliche Überzeugungsbildung ausreichte. Selbst die heilige katholische Inquisition ließ einer einzelnen Zeugenaussage keinen Beweiswert zukommen und verlangte getreu dem Motto „Unus testis nullus testis“ (Ein Zeuge, kein Zeuge) wenigstens noch einen weiteren Tatzeugen, eh sie die Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannte.

Heutzutage gibt es zwar keine Scheiterhaufen mehr, aber mit dem Ruf ein „Sex-Täter“ oder gar ein „Vergewaltiger“ zu sein, lebt es sich auch nicht gänzlich unverbrannt – erst recht nicht, wenn man aufgrund einer einzelnen Zeugenaussage für bis zu 15 Jahre im Knast landet.

Und da scheint man sich bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt nun auf den Standpunkt zu stellen, jedweden Anfängen zu wehren: Wer den Vorwurf nicht beweisen kann, der kommt jetzt selbst auf den Scheiterhaufen, respektive die Anklagebank – so wie Schwesta Ewa eben.

Und sollte diese Haltung der Staatsanwaltschaft Frankfurt nun zu einem bundesweiten Aufschrei führen, dem wird sie entgegnen: Wie man’s macht, macht man’s falsch: Ermittelt man gegen den mutmaßlichen Täter, schreit der, das Opfer lügt – ermittelt man gegen das Opfer (z.B. wegen Falschbeschuldigung) schreit es, der Täter lügt.

Fairer Weise müsste man also in allen Fällen von Aussage gegen Aussage entweder gar nicht erst ermitteln oder sogleich gegen „Täter“ als auch „Opfer“ vorgehen. Woran will man schließlich festmachen, wem man bei zwei kontradiktorischen Aussagen glaubt?

Ein Richter der urteilt, »Ich glaube der Beschuldigte ist es gewesen und verurteile ihn deshalb zum Tode «  fänden ziemlich Viele, wohl ziemlich krass. Und es würde – um dieses Beispiel von Prof. Volk fortzuführen –  auch nicht erträglicher, wenn man die Todesstrafe durch »lebenslänglich«, 6 Jahre Freiheitsstrafe oder gar tausend Euro Geldstrafe ersetzte.

Glauben ist nicht Wissen, und die eigene Wahrheit ist nicht die Wirklichkeit: Wird ein Zeuge gefragt, ob er am 1. März in Berlin war aber bewusst lügt und behauptet, dass es der 2. März gewesen sei, sagt nicht die Wahrheit. Belegt aber eine Videoaufzeichnung, dass der Zeuge tatsächlich am 2. März in Berlin war und er sich bei seiner Lüge schlicht im Datum geirrt hat, hat er trotzdem die Wahrheit gesagt  – Alles klar?

Dabei muss es noch nicht einmal so sein, dass im Falle von Aussage gegen Aussage zwangsläufig einer lügt: Nicht immer sind Motive wie Rache (siehe Kachelmann) oder etwa die mediale Vermarktung, respektive das Kaschieren eigenen Fehlverhaltens (vgl. Gina Lisa) der Grund für bewusste Falschaussagen.

In vielen Fällen kommen falsche Beschuldigungen völlig unbewusst zustande. Eine Ursache ist Alkohol, der bei Sex auch nicht gerade selten zur Steigerung der Stimmung eine entscheidende Rolle spielt.

In vielen Fällen ist es aber auch schlicht unser Gedächtnis, dass uns etwas gänzlich anders erinnern lässt, als unser Auge tatsächlich gesehen hat. Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unsere Erinnerung verzerrt, beschönigt, verziert, unterdrückt, ausschneidet. Und noch schlimmer wird es, wenn suggestive Einflüsse Dritter hinzukommen z.B. aufgrund falsch verstandener Solidarisierung, selektiver Wahrnehmung oder kognitiver Dissonanzen.

Nun ist es aber so, dass Sexualdelikte selten in der Öffentlichkeit oder vor laufenden Kameras stattfinden. Juristen nennen Sexualdelikte genau deshalb „heimliche Delikte“ weil außer den beiden Protagonisten in der Regel niemand sonst anwesend ist. Bei knapp 40.000 angezeigten Sexualdelikten pro Jahr wäre es aber kaum erträglich einfach gar nichts zu tun, weil Aussage gegen Aussage steht. Umgekehrt bedarf eine Überzeugung zumindest ein Mindestmaß an nachvollziehbarer, objektiver Belege, will man einen Menschen seiner Freiheit berauben.

Und genau dafür gibt es Fachleute. Aussagepsychologen, die anhand objektiver, wissenschaftlich belegter Kriterien untersuchen können, ob eine Aussage erlebnisbasiert ist oder nicht, z.B. anhand einer fundierten Prüfung möglicher Fehlerquellen bei der Aussageentstehung, Widersprüchen, Auslassungen oder Fehler in der chronologischen Schilderung, Inkonstanzen, das Fehlen von Schilderungen zum Kerngeschehen, verdächtige Strukturiertheit sowie wenige Interaktionsschilderungen und Komplikationen im Handlungsablauf, Mängel im Detaillierungsgrad und der Anschaulichkeit, auffallender Kongruenzen oder Strukturgleichheit usw.

Schließlich geht die Aussagepsychologie – einfach gesprochen ¬– davon aus, dass eigene Erlebnisse stärker, prägnanter und stabiler im Gedächtnis verankert sind, als lediglich ausgedachte Geschichten.

Stellt man aber all jene aussagepsychologischen Aspekte nicht dezidiert heraus, verbleibt es bei reiner Küchenpsychologie, Würfelrunden oder Lottospielen was oder wem man glaubt.

Im Fall von Schwesta Ewa kann man der Staatsanwaltschaft nur entgegnen, dass anders, als so manche Opfer im Fall Dieter Wedel, Ewa genaue Details zum Ablauf der sexuellen Belästigungen seitens der JVA-Beamten strukturiert anschaulich und in sich schlüssig schildert, und das ohne jedweden Belastungseifer oder medialem Interesse: Denn anders als etwa Wedel-Opfer Patricia Thielemann, promoted Schwesta Ewa gerade kein neu erschienenes Buch und sie nennt noch nicht einmal die Namen der JVA Beamten, die sie sexuell bedrängt haben, um sie – wie Ewa sagt – nicht in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.

In einem solchen Fall nicht gegen die JVA zu ermitteln, sondern sofort ein Verfahren wegen Verleumdung gegen das mutmaßliche Opfer einzuleiten, kann also nur eines bedeuten: Entweder hat die Staatsanwaltschaft– wie so viele Juristen auch – schlicht aussagepsychologische Grundsätze außer Acht gelassen, oder aber soll hier ein Justizskandal verschleiert werden, in welchem auch die Justiz vor #metoo Vorwürfen in den eigenen Reihen nicht gefeilt ist?

 

 

2018-02-24T14:59:21+00:00 Von |