Verfassungsbeschwerde gegen Richter

Missbrauch im Gefängnis? Ein rätselhafter Fall

Von Gisela Friedrichsen | | Lesedauer: 5 Minuten
Eine Gefängnispsychologin soll einen 17-Jährigen in JVA missbraucht haben. Ein kurioser Fall, schreibt Gisela Friedrichsen (rechts)Eine Gefängnispsychologin soll einen 17-Jährigen in JVA missbraucht haben. Ein kurioser Fall, schreibt Gisela Friedrichsen (rechts)
Eine Gefängnispsychologin soll einen 17-Jährigen in JVA missbraucht haben. Ein kurioser Fall, schreibt Gisela Friedrichsen (Foto)

Quelle: Infografik Die Welt, Foto: Claudius Pflug, Martin U. K. Lengemann; dpa

 

Seit Mitte dieser Woche steht eine 33 Jahre alte Gefängnispsychologin vor dem Landgericht Mosbach unter der Anklage des sexuellen Missbrauchs eines Gefangenen. Das angebliche Opfer: der unter anderem wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung schon mehrfach vorbestrafte Gewalttäter Baran R.

Der 17-Jährige sollte sich in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim in Baden-Württemberg einer Sozialtherapie unterziehen. Die Angeklagte, die 2012 im Alter von 27 dort als Psychologierätin angefangen hatte, übernahm die Therapie des Jugendlichen im Mai 2016. Die vorherige Psychologin hatte diese nicht mehr weiterführen wollen. Wenig später soll es dann bereits zu den Übergriffen gekommen sein.

Das Kuriose an der Sache ist, dass die Angeklagte genau das Gegenteil behauptet: Sie sei von Baran R. viermal während der Therapiesitzungen vergewaltigt worden.

Anzeige habe sie erst einen Monat später erstattet, als der Täter sie auch noch zu nötigen versuchte, Handys und Drogen für ihn in die Anstalt zu schmuggeln. An einer solchen Straftat habe sie sich nicht beteiligen wollen.

Es sei deswegen zum Streit gekommen, heißt es in einer Erklärung des Landgerichts, und der Jugendliche habe im Rahmen einer vollzugsinternen Anhörung von den sexuellen Handlungen berichtet. „Aus Angst vor drohenden Konsequenzen“ habe die Angeklagte daraufhin Strafanzeige gegen den jungen Mann erstattet, „in Kenntnis der Unrichtigkeit ihrer Angaben“.

Die Psychologin gibt als Grund für ihr anfängliches Schweigen an, sie habe sich zur Tatzeit noch in der Probezeit befunden und befürchtet, falls die Sache ruchbar würde, vor den Gefangenen als Vergewaltigungsopfer dazustehen. Auch habe sie sich geschämt zuzugeben, dass ihre Arbeit mit dem Jugendlichen alles andere als eine erfolgreiche Therapie war.

Diese – durchaus einleuchtenden – Argumente überzeugten die zuständige Staatsanwältin jedoch nicht. Es sei nicht nachvollziehbar, dass sich die Angeklagte nicht gleich nach der ersten angeblichen Vergewaltigung gemeldet habe. Sie klagte den 17-Jährigen wegen versuchter Erpressung an, wofür der auch verurteilt wurde. Die mutmaßlichen Vergewaltigungen aber hält die Staatsanwaltschaft nach wie vor für einvernehmlichen Sex. Zum Opfer sei somit Baran R. geworden, der von der Angeklagten sexuell missbraucht worden sei. Denn, so die Begründung, eine vergewaltigte Frau hätte sich anders verhalten und sofort Hilfe geholt. Also Anklage gegen die Psychologin.

Verteidiger Alexander Stevens interpretiert dies angesichts der vom Gesetzgeber eingeräumten langen Verjährungsfrist von 20 Jahren beim Verdacht einer Vergewaltigung spöttisch als „interessante These“. Denn die Entscheidung des Gesetzgebers beruhe doch gerade darauf, dass Opfer oftmals erst später wagten oder sich aufraffen könnten, den Täter anzuzeigen. „Es gibt kein Schema, wie sich eine vergewaltigte Frau zu verhalten hat“, so Stevens.

Unliebsame Erfahrungen in Straubing

Der langjährige leitende Psychiater der JVA Straubing, Thomas Schwarz, der vor dem Mosbacher Gericht als Gutachter gehört werden wird, bezeichnet es als „absolut verantwortungslos“ von der Adelsheimer Gefängnisleitung, wenn zugelassen worden sei, dass sich eine noch unerfahrene Psychologin mit einem Gewaltverbrecher allein in einem Raum aufhält. In Straubing hat man diesbezüglich unliebsame Erfahrungen gemacht.

Am 7. April 2009 wurde dort die Leiterin der sozialtherapeutischen Abteilung von einem Mehrfachvergewaltiger und Mörder als Geisel genommen und fast sieben Stunden lang vergewaltigt. Keiner der rund 300 Polizei- und Vollzugsbeamten, die im Laufe dieser Stunden zusammengezogen worden waren, kam zu Hilfe. Ein Jahr später, als sich der Straubinger Täter vor dem Landgericht Regensburg zu verantworten hatte, rechtfertigte sich einer der seinerzeit im Gebäude postierten Beamten als Zeuge, man habe „keinerlei Hinweise auf eine Bedrohungslage der Geisel“ gehabt. Weil die Frau nicht schrie, sondern die Scheußlichkeiten über sich ergehen ließ und damit wahrscheinlich ihr Leben rettete?

Das damalige Strafverfahren brachte skandalöse Zustände hinsichtlich der Sicherheit der weiblichen Mitarbeiter im Vollzug ans Licht. Daran hat sich offenbar nicht viel geändert. Denn die baden-württembergische Justiz versuchte, die Vorfälle jetzt in Adelsheim dadurch zu vertuschen, dass man der angeklagten Psychologin eine stille Erledigung der gegen sie eingeleiteten Ermittlungen auf dem Weg eines Strafbefehls mit einer einjährigen Bewährungsstrafe und der Entfernung aus dem Dienst anbot. Darauf ging sie nicht ein.

Vor dem Regensburger Gericht, das 2010 den Straubinger Fall verhandelte, wurden auch die Selbstzweifel der damals vergewaltigten Mitarbeiterin deutlich, die sich eingestehen musste, dass der Täter allem Training und ihrer Therapiebemühungen zum Trotz ein Vergewaltiger geblieben war. Die Erkenntnis, sich so sehr getäuscht zu haben in einem Menschen, der sich vermeintlich bereits auf dem sicheren Weg in die Freiheit befand, belastete die Frau nach eigener Aussage weit mehr als die Stunden, in denen sie Todesängste durchlitt. Sie kam nie mehr darüber hinweg. Vor Kurzem nahm sie sich das Leben.

Noch etwas hält die Verteidigung der nun aktuell in Mosbach angeklagten Psychologin für kritikwürdig: dass der gesamte Prozess ohne Öffentlichkeit stattfinden solle – angeblich, um die Angeklagte vor öffentlicher Bloßstellung zu schützen. Das Landgericht aber habe schon vor Beginn der Hauptverhandlung eine Pressemitteilung zu dem Fall herausgegeben und somit erst auf ihn aufmerksam gemacht, kritisiert Anwalt Stevens. In dieser Mitteilung sei im Wesentlichen die Anklageschrift wiedergegeben. Auch seien Fotos von der Angeklagten im Gerichtssaal zugelassen worden.

Durch den Ausschluss der Öffentlichkeit, so Stevens, werde der Angeklagten gegen ihren Willen jede Möglichkeit genommen, öffentlich ihre Sicht der Dinge dazulegen. Der Prozess ist bis zum 26. April terminiert.

https://www.welt.de/vermischtes/plus174386512/Gefaengnispsychologin-soll-17-Jaehrigen-in-JVA-missbraucht-haben.html

2018-07-30T13:03:40+00:00 Von |