Mann + Flirt = Metoo

Morgan Freeman möchte nicht auf eine Stufe mit Harvey Weinstein gestellt werden.

Zu spät. Denn auch Freeman soll mehrere Frauen sexuell belästigt haben. Die Angaben von immerhin acht Frauen sind sehr ernst zu nehmen, heißt es. Zwar ist wie immer irgendwie gar nichts bewiesen, schon gar kein strafbares Verhalten, aber dennoch wird spekuliert, ob dem Sextäter Morgan Freeman nicht nachträglich schon mal seine zahlreichen verdienten Auszeichnungen aberkannt werden sollten – freilich nur „bis alles geklärt ist“.

Konkret wird ihm in einer Lawine von weltweit veröffentlichten Medienberichten vorgeworfen, dass er unter anderem bei einem Interview im Jahr 2016 eine Reporterin gefragt haben soll, ob sie an „älteren Männern“ interessiert sei. Und am Ende des Interviews habe er noch ergänzt: „Das Vergnügen war ganz meinerseits. Sehen Sie sich an!“.

Diese beiden Sätze reichten zum Beweis einer weiteren #metoo Offensive. Sie reichten auch, sein gesamtes Lebenswerk in Frage zu stellen und sie reichten, ihn in einem Zug mit Harvey Weinstein zu nennen, dem allerdings mehrfache Vergewaltigung vorgeworfen wird.

Immerhin haben Freeman und Weinstein zumindest eines gemeinsam: kein Urteil, nur Vorverurteilung. Rechtsstaatliche Verfahren in denen Schuld oder Unschuld überprüft und bestätigt worden wären, gibt es bislang nicht.  Anders als der verurteilte Kindsmörder Markus Gäfgen, der noch während seiner Haftzeit eine neue Identität bekommt, um nicht als Mörder gebrandmarkt zu sein, wird Morgan Freeman von nun an für immer und ewig anhaften ein #Metoo-Täter zu sein, einer wie Weinstein – egal was konkret vorgefallen sein soll und egal ob es bewiesen ist oder nicht.

Man mag sich also schon fragen, welche Gewalt bloße Worte haben können, um eine so glanzvolle Karriere, womöglich sogar ein ganzes Leben, in Gänze zu vernichten.

Vor Zeiten von #metoo war das allenfalls bei mehr oder weniger offenkundigen Sympathisanten nationalsozialistischen Gedankengutes möglich, ich denke dabei an Bischof Richard Williamson oder Ex-Tagesschausprecherin Eva Hermann.

Heutzutage reicht dafür anscheinend schon der Satz „stehen Sie auf ältere Männer?“.

Eigentlich kurios, hat doch Schweden letzte Woche erst – unter breiter Zustimmung aller Medien – „Ja heißt Ja“ ins Gesetz aufgenommen, sprich: Sex ist in Schweden jetzt grundsätzlich strafbar, es sei denn, man bittet vor jeder einzelnen sexuellen Handlung seinen Geschlechtspartner ausdrücklich um Zustimmung.

„Darf ich Deinen Oberschenkel berühren?“

„Darf ich meinen Penis in Dich einführen?“

„Darf ich Deinen Penis vorher noch in den Mund nehmen?“

Da scheint der Satz „Stehst Du auf ältere Männer?“ eigentlich nur folgerichtig ehe der fürchterlich alte (immerhin nicht auch noch weiße) Mann womöglich in einem weiteren Satz höflich um ein Date gebeten hätte – natürlich nur soweit die erste Frage mit Ja beantwortet worden wäre.

Mit dem schwedischen „Ja heißt Ja“-Gesetz hingegen nicht ganz konform ist Freemans Satz: „Das Vergnügen war ganz meinerseits. Sehen Sie sich an!“. Das ist ja schließlich keine Frage, sondern eine Aussage. – Gut, eine Aussage, die in den Zeiten der Sozialisation des jungen Morgan Freeman als charmantes Kompliment gegolten hätte, aber die Zeiten ändern sich.

Andererseits muss man vielleicht noch anmerken: Bei aller Empörung über vermeintlichen oder tatsächlichen Machtmissbrauch, geht es bei einer solchen Aussage nicht um den Vollzug des Geschlechtsaktes oder unannehmliche Körperlichkeit, sondern um bloße Worte die noch nicht einmal eindeutig sexueller Natur sind.

Strafbar wäre ein solcher Satz jedenfalls nicht (noch nicht), weder nach schwedischen noch nach deutschem Recht.

Für #Metoo reichts trotzdem, mit allen Folgen globaler Vernichtung. Und anders als ein Gesetz, das von Richtern nach entsprechender Überzeugungsbildung anhand strenger prozessualer Regeln ausgelegt und vollzogen wird, darf sich auf #metoo jeder berufen, der der Meinung ist, sexuell belästigt worden zu sein. Das bloße Hashtag genügt.

Eine Überprüfung des Vorwurfs bedarf es erst gar nicht. Warum auch? Denn was jemand als sexuell und als belästigend empfindet, ist rein subjektiv. Deshalb gibt es auch keinerlei Definition zur sexuellen Belästigung bzw. metoo: Das Erzählen schmutziger Witze? Offensives Anstarren? Pfeifen und Nachrufe? Oder erst die unerwünschte körperliche Berührung?

Die Antwort lautet: Alles, was man selbst als lästig und sexuell einstuft ist sexuelle Belästigung. Man könnte auch einfach sagen: Alles was man letztlich als unerwünscht empfindet.

Gleichwohl ist es aber nicht immer einfach festzustellen, was sein Gegenüber so alles wünscht oder eben nicht wünscht. Dass körperliche Berührungen heutzutage nicht mehr ohne vorherige Zustimmung akzeptabel sind, steht bei den Vorwürfen gegen Morgan Freeman noch nicht einmal zur Debatte: Es geht um bloße Worte, womöglich auch nur um mehr oder weniger gelungenes Anflirten. Anders als etwa in den Sendungen von Thomas Gottschalk über dessen ständige Berührungen seiner Gäste sich der Spiegel schon im Jahr 2007 echauffierte wenn sich der Moderator persönlich vom ordnungsgemäßen Zustand irgendwelcher Körperteile überzeugte.

Eine Redakteurin eines großen Fernsehunternehmens sagte mir letzten Monat: „Wenn Raffaele (der gutaussehende, 29-jährige aus Italien stammende Volontär) mich mit seinem verstohlenen Lächeln anblickt und ihm hin und wieder ein Kommentar über mein sexy Outfit über die Lippen kommt, erhellt das meinen Tag. Wenn aber Hartmut (der 59 Jahre alte, kahlköpfige und leicht übergewichtige Chef) mich auf meine neue Frisur anspricht, die mir echt gutstehe, finde ich das ziemlich unangebracht, um nicht zu sagen belästigend“.

Nun sollte es jedem selbst überlassen sein, wen er attraktiv findet und wen nicht. Aber wäre es in diesem Fall wirklich in Ordnung, den Medien einen Tipp zu geben und besagten Hartmut öffentlich der sexuellen Belästigung in Form des #metoo-Hashtags zu bezichtigen – am besten noch in einem Atemzug mit dem der Vergewaltigung verdächtigen Harvy Weinstein? Wäre umgekehrt nicht Raffaele dann auch moralisch verpflichtet, sich selbst durch schonungslose Aufdeckungsarbeit vor einer drohenden Gefahr des Machtmissbrauchs durch die Redakteurin zu schützen, die ihn offenbar als Sexualobjekt bereits auf dem Radar hat?

Einmal abgesehen von der Frage, ob man bei einem solchen Vergleich nicht Geschädigte echter Vergewaltigungen beleidigt – so jedenfalls die Auffassung von Schauspielerin Sophia Thomalla – ist das Alles wirklich noch verhältnismäßig?

Würde man den Diebstahl eines 1 Cent Stücks – immerhin eine Straftat – ähnlich hoch aufhängen?

Nochmal: Wir sprechen über etwas rein Subjektives, das jeder Mensch anders bewertet, nicht strafbar ist und womöglich aus Selbstüberschätzung, falsch verstandener Anziehung oder schlicht aufgrund eines intergeschlechtlichen Missverständnisses erfolgt. Gehört denn nicht ausgerechnet die Kommunikation zwischen Mann und Frau zu den schwierigsten und am meisten missverstandenen Phänomenen dieser Welt?

Freeman hat offenbar eben gerade nicht gegrapscht, sondern mehr oder weniger charmant gefragt. Negative Konsequenzen für eine Zurückweisung sind auch keine überliefert. Was also rechtfertigt es, ihn für allenfalls moralisch ambivalentes „Anbaggern“ an den Pranger der Weltöffentlichkeit zu stellen, wenn er sich weder strafbar noch missbräuchlich verhalten hat?

 

 

2018-06-01T00:58:07+00:00 Von |