Opfer – Sinnbild – Falschbeschuldigerin

Man kann nicht sagen, dass es ruhig um Gina Lisa Lohfink geworden ist.

Derzeit tritt sie splitternackt in der Fernsehsendung „Adam sucht Eva“ auf und auch sonst scheint es bei der Schauspielerin, Moderatorin, Sängerin und (!) Model ganz gut zu laufen.

Aktuell macht sie Schlagzeilen mit dem kürzlich verstorbenen Schlagersänger, Auswanderer und Kneipenbesitzer „Malle-Jens“, dessen zweifelsohne trauriger Tod aus welchen Gründen auch immer die gesamtdeutsche Presse beschäftigt. Gina Lisa quält die Frage, ob sie Jens als Freundin hätte helfen können, verriet sie vorgestern in einem Interview – schließlich kennt sie ihn ja aus dem RTL-Dschungelcamp.

Dschungelcamp? Da war doch was. War das nicht der völlig untergegangene Aufreger, bei dem nach Bekanntwerden ihrer Teilnahme im Jahr 2016 (und ihrer dafür gebotenen, extrem hohen Gage) die ein oder andere böse Zunge behauptete, dass das ziemlich schäbige Crosspromo sei?

Jetzt werden Sie womöglich fragen: Crosspromo, für was?

Vielleicht erinnern Sie sich: im Jahr 2016 gab es doch noch diese andere „Show“ mit Gina Lisa – eine Gerichtsshow sozusagen. Sie war wegen Falschbeschuldigung angeklagt, das Medienecho seinerzeit ähnlich groß wie aktuell bei „Malle-Jens“. Schließlich behauptete Gina Lisa von zwei Männern „vergewaltigt“ worden zu sein.

Dass ausgerechnet sie als „Opfer“ auf der Anklagebank saß, ein riesiger Skandal, die Solidarisierung mit Gina Lisa schier überwältigend. Unter dem Hashtag TeamGinaLisa solidarisierte sich sogar die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit ihr sowie auch viele Prominente, darunter Alice Schwarzer, die ja schon im Kachelmann-Prozess fachlich Exzeptionelles beizutragen wusste. Kurzum: Gina Lisa wurde auch gleich noch zum Sinnbild der angeblich längst überfälligen Reform des Sexualstrafrechts.

Dass es bei dem Fall übrigens gar nicht um Vergewaltigung, sondern sexuellen Missbrauch nach angeblicher Betäubung durch K.-o.-Tropfen ging und auch sonst über die Hintergründe der mutmaßlichen Tat nicht weiter berichtet wurde, spielte keine Rolle – Ebenso wenig spielte eine Rolle, dass das Gericht festgestellt hatte, dass Gina Lisa unmittelbar nach ihrer „Vergewaltigung“ mit einem ihrer mutmaßlichen Peiniger liebevolle Botschaften ausgetauscht, eine Gynäkologin kurz nach der angeblichen Tat weder frische oder ältere Verletzungen festgestellt und ein toxikologisches Gutachten anhand sichergestellten Videomaterials ergeben hatte, dass keine Anhaltspunkte für die Verabreichung von K.-o.-Tropfen vorlagen. Frau Lohfink wurde vielmehr als wach, orientiert und überaus aktiv beschrieben, und die Männer hatten im Übrigen sofort aufgehört mit ihr zu schlafen, als auf dem Video zu hören ist, dass Gina Lisa keinen Sex mehr wollte. Trotz der angeblichen Betäubung durch K.-o.-Tropfen war Gina Lisa diesbezüglich noch sehr kommunikativ – so wie immer also.

Vergewaltigung und sexueller Missbrauch sehen anders aus – auch nach der Sexualstrafrechtsreform mit „Nein-heißt-Nein“. Die „Täter“ hatten ja schließlich ihr „Nein“ akzeptiert.

Als dann das „Vergewaltigungs-Opfer“ Gina Lisa wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde, war Deutschland dennoch in heller Aufruhr, dieses Urteil natürlich ein Skandal, nicht nur, aber vor allem auch für Alice Schwarzer.

Für Letztere gilt Lohfink ungebrochen als Gallionsfigur und neues Symbol der Feministinnen. Daran änderte auch nichts, dass der Richter Lohfink mit den Worten: „Sie haben sich öffentlich als Verteidigerin der Frauenrechte geriert. Aber allen wirklichen Vergewaltigungsopfern haben Sie einen Bärendienst erwiesen“ zu einer Geldstrafe in Höhe von 20.000 € verurteilte.

Jetzt könnte man meinen, der Gerechtigkeit sei doch jetzt Genüge getan, die verqueren Statements von Alice Schwarzer hin oder her. Schließlich sind die Männer nicht wegen Vergewaltigung in den Knast gewandert und Gina Lisa hat doch auch ihre gerechte Strafe bekommen.

Ja, ABER:

Das Kapitel ist noch nicht zu ende. Denn angesprochen auf ihr Gerichtsverfahren wegen falscher Verdächtigung, verkündete die splitternackte Gina Lisa einem ihrer TV-Adams am vergangenen Sonntag vor einem Millionenpublikum, dass das alles eine geplante Sache gewesen sei: „Das Letzte, was ich weiß: Ich war am Trinken und dann bin ich wieder wach geworden und war auf einmal in irgendeiner Wohnung“ Dabei sei sie noch von den Ex-Freundinnen der Männer gewarnt worden, dass die einem immer Sachen ins Getränk täten und dann zu zweit f***** würden.

Wieder könnte man meinen, dass das Alles doch halb so wild sei und wer weiß, vielleicht ist sie ja wirklich unschuldig und tatsächlich ein Vergewaltigungsopfer?

Doch genau an dieser Stelle wird es kriminell: Denn wer wider besseres Wissen eine unwahre Tatsache über jemanden behauptet, die diesen verächtlich oder in der öffentlichen Meinung herabwürdigt, macht sich wegen Verleumdung strafbar. Geschieht das Ganze auch noch öffentlich z.B. in einer RTL-TV-Show, liegt die Strafe dafür bei bis zu 5 Jahren Gefängnis.

Völlig zu Recht. Nicht nur, dass Frau Lohfink den Instanzenzug in ihrem Strafverfahren ausgeschöpft und ihre Verurteilung zuletzt sogar vom Revisionsgericht bestätigt wurde, der öffentliche Vorwurf an sich, von jemandem vergewaltigt worden zu sein ohne dass dies rechtskräftig feststehen würde, ist existenziell vernichtend.

Dabei ist es schon regelrecht müßig Namen wie Kachelmann, Türck oder den Lehrer Horst Arnold gebetsmühlenartig zu bemühen, nur weil es die prominenten Beispiele unter so vielen anderen sind, deren Unschuld positiv erwiesen ist, die aber dennoch ihre gesellschaftliche Existenz verloren haben.

Wir bewegen uns in Zeiten, in denen mittlerweile die bloße Behauptung, „Opfer“ zu sein, vollkommen ausreicht, um glaubhaft zu sein – sogar vor Gericht und trotz Aussage gegen Aussage. Auch dazu muss man nicht erst prominente Fälle der #metoo Bewegung, wie etwa Kevin Spacey, oder zuletzt Morgan Freeman bemühen, um festzustellen, dass nichts festgestellt ist. Ganz im Gegenteil: Bei Spacey wurde das Verfahren eingestellt, bei Freeman erst gar keines eingeleitet.

Was aber nachhängt ist der zigfach gehörte Kommentar: „Da wird schon was dran gewesen sein.“  Und nicht nur das: Sofort geht ob des bloßen Verdachts die Zerstörung der beruflichen Existenz einher – im Fall von Spacey nicht nur für künftige Aufträge, man hat ihn vorsorglich auch gleich aus einem bereits abgedrehten Kinofilm rausgeschnitten – und Freunde hat man dann sowieso keine mehr. Auch die Familie wendet sich nicht selten von einem ab – wer will schon mit einem mutmaßlichen Sextäter in Zusammenhang gebracht werden und sei es nur weil „da was dran sein könnte“.

FUCK, wird man da als Kevin Spacey nur noch sagen oder als Morgan Freeman vielleicht auch Fuck me too.

Denn wo sind eigentlich verfassungsrechtliche Werte wie „Unschuldsvermutung“, „im Zweifel für den Angeklagten“ oder einfach nur „faires Verfahren“ geblieben?

Vor Gina Lisa galt im Falle von kontradiktorischen Aussagen, sprich wenn Aussage gegen Aussage stand, genauestens zu untersuchen, ob man bei dieser denkbar schlechtesten Beurteilungsgrundlage, wirklich zu einer objektiv nachvollziehbaren Überzeugung gelangen kann, wer von beiden nun die Wahrheit sagt.

Da sah man sich dann beispielsweise die Qualität der Opferaussage an, wie etwa Detaillierungsgrad, logische Konsistenz oder Widerspruchsfreiheit, man machte sich Gedanken zur Aussageentstehung und etwaiger Falschbelastungsmotive und man untersuchte vor allem die Aussagefähigkeit, z.B. ob psychische Erkrankungen vorgelegen haben (oder noch vorliegen), Alkohol die Wahrnehmung vernebelt haben könnte, oder suggestiv auf das mutmaßliche Opfer eingewirkt wurde.

In Zeiten maximaler medialer Aufregung und „Fake News“ erscheinen diese rechtsstaatlichen Grundfesten vergessen. Dabei wäre gerade in den Zeiten von #metoo eine saubere Sachaufklärung wichtiger denn je. Es lässt sich einfach nicht von der Hand weisen, dass es auch Menschen gibt, welche die öffentliche Solidarität mit Opfern sexueller Übergriffe für eigene, wenig rühmliche Zwecke missbrauchen. Im Zuge um die Vorwürfe gegen den umstrittenen US-Richter Kavanaugh hat erst kürzlich eine politische Aktivistin eingeräumt, im Zuge der Affäre einen anonymen Brief verfasst zu haben, in welchem sie den Kandidaten für das oberste Richteramt in den USA fälschlich einer brutalen Vergewaltigung beschuldigt hatte. Man könnte meinen, dass solche Ereignisse zur Vorsicht mahnen. Stattdessen haben die deutschen Medien noch nicht einmal darüber berichtet.

Als Angeklagter einer Sexualstraftat kann man heute nur noch durch Sachbeweise einigermaßen sicher einer Verurteilung entgehen, z.B. weil – wie im Fall Kachelmann – gerade keine DNA Spuren an der vermeintlichen Tatwaffe gefunden werden oder weil man „zufällig“ per Video mitgefilmt hat, so wie im Fall Gina Lisa. Die Dunkelziffer der Angeklagten, welche ein falsches Geständnis ablegen um damit durch eine Bewährungsstrafe dem Gefängnis zu entgehen, dürfte hoch sein. Statistisch messen lässt sich so etwas freilich nicht.

Und genau das macht die aktuelle Debatte um Gina Lisa so unfassbar: Trotz eindeutigem Videobeweis, toxikologischem Gutachten und einem obergerichtlichen Urteil, das Gina Lisa zu einer Falschbeschuldigerin erklärt, behauptet Lohfinks Anwalt allen Ernstes: „Ich würde mich freuen, wenn man nicht ständig jedes Wort meiner Mandantin auf die Goldwaage legt. Sie ist ein emotionaler Mensch, und das ist auch gut so. Einen Maulkorb lässt sie sich zu Recht nicht verpassen.“

Mit anderen Worten: Obwohl in einer Zeit, wo echten und vermeintlichen Opfern beinahe uneingeschränkter Glaube an den Wahrheitsgehalt ihrer Vorwürfe entgegengebracht wird, gerichtlich eindeutig feststeht, dass Gina Lisa zwei Männer fälschlicher Weise einer schweren Sexualstraftat bezichtigt hat, soll sie weiterhin sagen dürfen, dass diese Männer sie trotzdem sexuell missbraucht haben?

Diese Männer wären ohne den Videobeweis vermutlich zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden, warum sollte schließlich eine Frau einen unschuldigen Mann  der Vergewaltigung bezichtigen heißt es da gern in den Urteilsbegründungen. Für Sex gibt’s 6 lautet die Regel für Vergewaltigung – heut zu Tage sind es meist sogar mehr als nur 6 Jahre Knast. Und was hat Gina Lisa für ihre nachweislich falsche Beschuldigung bekommen?   80 Tagessätze Geldstrafe! Das entspricht etwa 2,5 Monaten Knast – ohne natürlich in den Knast zu müssen.

Aber auch die 80 Tagessätze Geldstrafe (20.000 €) werden Gina Lisa nicht sonderlich hart getroffen haben, denn unmittelbar nach ihrem Gerichtsverfahren erklärte der TV-Sender RTL sie für die Rekordsumme von 180.000 € engagiert zu haben – für das Dschungelcamp. Man kann also sagen, dass sich die Straftat unter dem Strich gelohnt hat.

Dabei sollte man meinen, dass man im Dschungelcamp oder bei Adam sucht Eva dank der totalen Videoüberwachung vor Falschbeschuldigungen sicher ist. Ikone Gina Lisa hat uns erneut eines Besseren belehrt.

https://www.stern.de/lifestyle/leute/gina-lisa-erhebt-im-tv-falsche-beschuldigungen—das-droht-ihr-nun-8459106.html

2018-11-22T20:13:16+00:00 Von |