Was haben Sie gesehen? Alles!

Ein Lkw-Fahrer, zwei Zivilpolizisten und Antje Mönning: Die Schauspielerin soll sich exhibitionistisch verhalten haben. Dafür musste sie nun vor Gericht erscheinen – eine absurde Verhandlung.

Zwischen einer viel befahrenen Straße und einem idyllischen Park, in dessen Gewässern Schwäne ihre Runden ziehen, liegt das Amtsgericht Kaufbeuren. Vor seinen Schranken haben sich nicht die schweren Jungs zu verantworten, Mörder und Totschläger oder Terroristen, sondern Kleinkriminelle und andere Ganoven, die höchstens eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als vier Jahren zu erwarten haben.

Aber es kann auch passieren, dass entschieden werden muss, ob es sich bei der zur Verhandlung anstehenden Strafsache überhaupt um eine solche handelt. Oder ob der oder die Angeklagte nicht vielleicht nur eine etwas sonderliche Person ist mit einem vom Standard abweichenden Verhaltensrepertoire, das die Grenze zur Strafbarkeit streift, aber nicht überschreitet. Wie zum Beispiel Antje Mönning. Die 40-Jährige kennen Fernsehzuschauer als ehemalige „TV-Nonne“, weil sie einst in der Serie „Um Himmels Willen“ mitspielte.

Sechs Sicherheitsbeamte, 31 Sitzplätze

Aber nur so lange, bis bekannt wurde, dass sie auch zu den Protagonisten eines Softpornofilms gehörte. Da war es dann vorbei mit der Serienlaufbahn. Der Kaufbeurer Staatsanwaltschaft hingegen stach eine andere „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ins Auge, ausgelöst durch Mönning am 18. Juni, als sie auf dem Weg von München ins Allgäu war. Was sie da vollführte, selbst wenn sie es nur als Jux verstanden wissen wollte, ließ sich mit den allgemein üblichen Regeln für Anstand und Sitte kaum mehr vereinbaren. Das gibt sie auch zu.

Was genau eine „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ist, darüber kann man streiten. Die Verteidiger der Schauspielerin hielten den Strafbefehl über 1200 Euro, den die Staatsanwaltschaft gegen ihre Mandantin verhängte, für völlig überzogen und auch rechtlich unbegründet und erhoben dagegen Einspruch. Nun war das Amtsgericht am Zug. Und der 28 Jahre alte schneidige Richter Johannes Pausch widmete sich dem angeblichen Ärgernis mit großem Ernst. Das zeigte sich schon an seiner mehrseitigen Sicherungsverfügung, die sich, zum Teil wörtlich, an nichts Geringerem als dem Münchner NSU-Prozess orientierte. Sechs Beamte allein zur Bewachung von 31 Sitzplätzen im höchst überschaubaren Gerichtssaal: Das war großes Format im ganz Kleinen.

Netzartiges Oberteil, Minirock, die Unterwäsche fehlt

Worum ging es? An jenem 18. Juni hatte Antje Mönning auf einem Parkplatz an der B13 angehalten und sich in Sichtweite dreier ins Gespräch vertiefter Männer verhalten, wie es in keinem Benimmbuch steht und bei Männern als strafbarer „Exhibitionismus“ gilt (bei Frauen hingegen nicht): Bekleidet mit einem netzartigen Oberteil und Minirock stieg sie aus, hob ein paarmal den Rock, unter dem sie keine Unterwäsche trug, reckte und streckte sich und tänzelte einige Minuten hin und her, ehe sie wieder ins Auto einstieg und davonfuhr. Dass zwei der Männer Polizisten in Zivil waren, die gerade einen Lkw-Fahrer kontrollierten, konnte sie nicht erkennen. Die Beamten machten auch nicht auf sich aufmerksam. Was war daran nun strafbar?

Richter Pausch beginnt die Verhandlung ungewöhnlich forsch. Den Wunsch Mönnings, sich den Prozess vom Zuschauerraum aus anschauen zu wollen, aber nicht auf der Anklagebank, unterbindet er umgehend. „Entweder sie setzt sich auf die Anklagebank oder verlässt sofort den Saal“, fällt er den Verteidigern ins Wort und schneidet ihre Erklärungsversuche ab. Beanstandungen schmettert er mit dem Satz ab: „Sie haben nicht das Wort!“ Er wird laut. Verteidiger Philip Müller bleibt freundlich. Antje Mönning setzt sich brav vor ihre Anwälte, als Wachtmeister Anstalten machen, sie mit Gewalt dorthin zu bugsieren.

Es folgt eine Erklärung Mönnings zur Sache, verlesen von Anwalt Müller, in der sie betont, sich die künstlerische Freiheit zu nehmen, gesellschaftliche Zwänge und Prüderie aufzubrechen. Es sei „brav und scheinbar widerspruchslos hingenommen“ worden, heißt es im Text weiter, „dass die Polizisten die ganze Aktion heimlich gefilmt haben, anstatt mit mir zu reden. Wenn sie es schon für eine Straftat hielten, hätte es dann nicht ihre Pflicht sein müssen, die Straftat zu unterbinden?“

Polizist dachte an Prostitution

Der erste Zeuge ist einer der Polizisten vom Parkplatz. „Haben Sie die Brüste der Frau erkannt?“, will der Richter wissen. Ja. „Hat sie sich bewegt?“ Ja. „Wie? Sportlich?“ Eher nicht. Er habe zunächst an Prostitution gedacht, sagt der Beamte. „Fühlten Sie sich verletzt?“, fragt Mitverteidiger Alexander Stevens. „Belästigt“, korrigiert der Beamte. Für ihn sei es nicht schön gewesen zuzuschauen. Mönning lacht. „Haben Sie sich gestört gefühlt?“, fragt Stevens und will wissen, wobei, und warum er gefilmt habe. Pausch schneidet ihm wieder das Wort ab: „Das ist eine Rechtsfrage!“ Doch der Zeuge ist Polizeibeamter und sollte schon wissen, warum er etwas tut. „Gingen Sie davon aus, dass es sich um eine Straftat handelt?“, setzt Müller nach. Der Zeuge schaut Hilfe suchend zum Richter und murmelt: „Das ist jetzt kompliziert …“

Sein Kollege fühlte sich vom Auftritt Mönnings sogar „stark verletzt“, obwohl sich der nächste Zeuge, der Lkw-Fahrer, erinnert, dass dieser Beamte mit dem Rücken zur Schauspielerin stand und demnach ihren Auftritt kaum habe sehen können. Auch nahm der Lkw-Fahrer das Erlebnis auf dem Parkplatz sichtlich heiter. „Was haben Sie gesehen?“ „Alles!“ „Fühlten Sie sich in Ihrem Schamgefühl verletzt?“, insistiert der Richter. „Nein!“ lacht der Fahrer. Er habe geflachst, ob das mit zur Verkehrskontrolle gehöre.

Der Richter sagt: „Ein absoluter Grenzfall“

Gegen Ende des kurzweiligen Verhandlungstages erteilt Richter Pausch einen rechtlichen Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen einer Ordnungswidrigkeit infrage komme. Die Staatsanwältin rückt daraufhin von ihrem Strafbefehl mangels „Erheblichkeit“ des Ärgernisses ab und schlägt 400 Euro vor. Verteidiger Müller überlegt, ob seine Mandantin nicht einem Verbotsirrtum erlegen sei. Nicht mal die Polizisten hätten schließlich genau gewusst, wie sie das Gehopse auf dem Parkplatz einordnen sollten. Man könnte ja auch mal, meint Müller, ohne die Rechtsordnung zu beschädigen, auf eine Bestrafung verzichten.

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2018-12-08T03:39:31+00:00 Von |